Vortrag am 18. Oktober 2017

FelliniSatyricon1_WEBProf. Dr. Costas Panayotakis (University of Glasgow)

“Impotent Heros, Mythomaniac Narrators and Vulgar Dinner Parties: The World of Petronius’ Satyrica

Diskussionsleitung: Dr. Stefan Merkle (LMU München)

18. Oktober 2017, 19:15 Uhr, Lyrikkabinett München

 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der PSMS,

“I have a dream!” Dieser Ausspruch Martin Luther Kings ist nicht nur zum geflügelten Wort geworden, sondern beherrscht auch das Denken unseres Vortragenden des 18.10.17, Costas Panayotakis von der University of Glasgow (innerlich wird er freilich sagen, έχω ένα όνειρο,weil er ein Grieche ist). Und was ist sein Traum? Halten Sie sich/haltet Euch fest: Er würde für sein Leben gern auf dem Lehrstuhl für antikes Latein an der LMU sitzen! Was soll man dazu sagen? Begnügen wir uns mit der Feststellung, dass dieser Stuhl besetzt ist, und das voraussichtlich noch mindestens zehn Jahre. Träume sind Schäume (τα όνειρα είναι αφρίζοντα) . Fragen wir lieber, was Costas an München so besonders reizt. Dass er sicher nicht Deutsch lernen müsste, weil die Exzellenzuniversität, wie man munkelt, diese total antiquierte Sprache zugunsten einer angeblich leichteren lieber heute als morgen abschaffen würde? Als native speaker einer noch antiquierteren Sprache hätte er keine Probleme, von “ο, η, το” zu “der, die, das” zu gelangen; das kann es also nicht sein. Gefällt ihm die Vorstellung, in der Stadt zu lehren, aus der der erste König von Hellas kam und in der dieser begraben liegt, nämlich in der Gruft der Theatinerkirche (mit einem Griechischfehler in der Inschrift auf dem Sarkophag seiner Gattin Amalie)? Schwerlich, denn Costas kommt von der Insel Kreta, und die gehörte nach Ottos Regierungsantritt noch 81 Jahre den Türken, und überhaupt stammen Costas’ Vorfahren mütterlicherseits aus Westkleinasien, von wo sie 1919 vertrieben wurden. Knüpft Costas etwa gar an eine besondere Art von britisch-kretisch-deutscher Freundschaft an, die begann, als der britische Major Fermor 1944 den Nazi-Oberbefehlshaber Kretas, General Kreipe, zusammen mit einer kleinen Truppe netter kretischer Partisanen in die Berge entführte und dort im Angesicht des Ida zusammen mit ihm Horazens Soracte-Ode aufsagte (wobei der Ida sicher dachte; “So etwas war noch nie da!”)? Hat Costas etwa sogar 1972, also mit 4 Jahren, die Athener TV-Sendung Αυτή είνη ζωή σου gesehen, in der alle Kidnapper und ihr Opfer, inzwischen alles γέροντες und sich dauernd umarmend, quietschvergnügt mit Uzo anstießen (wobei Fermor Englisch, Griechisch und Deutsch durcheinander sprach)? Ganz sicher auch nicht. Es kann nur einen Grund für seine Sehnsucht nach München geben: Costas liebt das mit Abstand Allerallerallerattraktivste, was die Stadt zu bieten hat: die PSMS. Und da das so ist, konnte dem Manne zumindest insofern geholfen werden, als er zum zweiten Mal bei uns zu einem Vortrag eingeladen ist, ihn auf Englisch halten darf – nicht auf Griechisch, was z.B. Martin Schrage sehr bedauern wird – und (das findet bei uns ganz selten statt, ist also immer ein besonderes Ereignis) Petron sein Thema sein wird. Wer also nicht nur den international berühmten Petronianer – als solchen wird Stefan Merkle ihn vorstellen und danach vielleicht wenigstens seine LMU-Lateinkurse an ihn abtreten -, sondern auch einen ganz speziellen München-Fan kennenlernen will, sollte uns unbedingt die Ehre geben.

Das empfiehlt Ihnen/Euch jedenfalls

Ihre/Eure PSMS

Vortrag am 19. Juli 2017

s-l225Prof. Dr. Regina Höschele (University of Toronto)

Et Vergilium faciamus impudentem: Die textuelle Defloration eines jungfräulichen Dichters”

Diskussionsleitung: Prof. Dr. Peter Bing (Univ. of Toronto)

19.07.2017, 19:15 Uhr, Lyrikkabinett München

 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der PSMS,

Vergils Aeneis ist der einzige Text der klassischen lateinischen Literatur, der im Zusammenhang mit Trimalchios Cena eine gewisse Rolle spielt. Der Gastgeber kennt ihn offenbar gut, denn er zitiert einmal durchaus gewitzt Laokoons sic notus Ulixes? aus dem Anfang von Buch 2 (c.39,3). Und unter den Kostbarkeiten, die er besitzt, befindet sich eine ihm von seinem Patron hinterlassene Henkelschale, auf der Daedalus Niobam in equum Troianum includit (c.52,2). Gut, diese Geschichte lesen wir ebenfalls in Buch 2 der Aeneis, weshalb man meinen könnte, nur der Anfang des Epos sei Trimalchio näher bekannt. Aber von wegen! Als die Cena sich bereits ihrem Ende zuneigt, lässt ein Sklave des Habinnas auf einmal den Vers interea medium Aeneas iam classe tenebat laut und in singendem Tonfall erschallen, und das ist der erste von Buch 5, ja, und offenbar kommt dann eine Fortsetzung, denn Enkolp berichtet, jener Sklave habe nunmehr einen Mix aus der Aeneis und Atellanenversen geboten. Das freilich war vielleicht nicht sehr schön, da Enkolp klagt, kein Klang habe jemals schriller seine Ohren durchbohrt, “so dass mich da zum ersten Mal sogar Vergil abstieß” (c.68,5). Was der Ich-Erzähler der Satyrica freilich nicht weiß, ist dies: Einzelne Verse Vergils interpretierte man schon in der Antike auf eine Weise, die zwar Schulmännern, welche Lehrplanrichtlinien formulieren, vielleicht nicht besonders gut gefallen hätten, aber Enkolp um so mehr: Man las sie sensu obscaeno, und das stand nun ganz im Widerspruch zu dem, was die auf Sueton zurückgehende Donat-Vita des Dichters über diesen berichtet: Er sei in Neapel, wo er sich ja gerne aufhielt und auch begraben liegt, “Parthenias” genannt worden, was “der Jungfräuliche” heißt und ja auch gut zu der international bevorzugten Namensschreibweise “VIRG-ilius” passt. Von diesem Widerspruch wird nun Regina Höscheles Vortrag ihren Ausgang nehmen und uns zum Abschluss des Semesters sehr witzige Kostproben der unjungfräulichen Vergilinterpretation präsentieren. Sie kommt dazu aus Toronto, wo sie an der Uni lehrt, und wie analog bei Fabian Zogg an unserem letzten Vortragsabend, wird ihr Mann Peter Bing, ebenfalls Professor in Toronto, sie vorstellen und die Diskussion leiten. Ob dem Sohn der beiden, dem etwa eineinhalb Jahre alten Daniel, auch noch eine Funktion zugeteilt werden kann, ist noch nicht sicher, aber es ist damit zu rechnen, da bei Trimalchio alles möglich ist, und einen “schrillen Klang” bringt Klein-Daniel allemal her. Bei seinem Namen erinnert man sich daran, dass 1991 kurz nach der Gründung der PSMS “Petronian Society Newsletter” über dieses Ereignis berichtete und dazu bemerkte: “Professor Holzberg’s family has expanded with the birth of a son, Daniel, who will eventually take the helm of the Munich section of the Society” (PSN 21, p.6). Nun, dazu ist es dann nicht gekommen, weil der Daniel, von dem hier die Rede ist, mittlerweile  der Aeneis Atellanen vorzieht, in denen er selber auftritt (eine ging z.B. über den jungen Karl Marx). Aber sein junger Namensvetter gibt Anlass zu der Hoffnung, dass er der Steuermann der PSMS sein wird, wenn diese 2091 ihr hundertjähriges Bestehen feiert. Allein schon die Möglichkeit, Daniel d.J. als einen wichtigen Petronianer der Zukunft kennenzulernen, rät unbedingt dazu, seiner vortragenden Mama und seinem moderierenden Papa am 19. Juli 2017 die Ehre zu geben, und dazu lädt herzlich ein

Ihre/Eure PSMS

Vortrag am 28. Juni 2017

1200px-MoretumDr. Fabian Zgoll (Universität Zürich)

“Pseudo-Vergil im Schulunterricht: Ein (bayerischer) Blick über die Trias hinaus”

Diskussionsleitung: Laura Napoli (Universität Zürich)

Lyrikkabinett München, 28. Juni 2017, 19:15 Uhr

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der PSMS, habent sua fata libelli – das weiß niemand besser als Trimalchio, der bekanntlich einmal verrät (48,4): III bybliothecas habeo, unam Graecam, alteram Latinam (und natürlich haben neunmalschlaue Philologen III, was eindeutig in der einzigen Handschrift steht, in II korrigiert – man möchte sich kaputtlachen!). So soll der aufregende Empedokles-Papyrus vor der Wiederentdeckung fein zurechtgeschnipselt den Hut eines Äthiopiers verziert haben, und der einzige erhaltene Codex einer mittelhochdeutschen Bearbeitung von Ovids Metamorphosen aus dem frühen 13. Jahrhundert, verfasst von Albrecht von Halberstadt, wurde um 1623 in Oldenburg u.a. zum Einbinden eines Steuerregisters und einer Polizeiordnung auseinandergenommen. Ja, und um 1750 versah die Gilde der Bäcker und Müller im steiermärkischen Schladming ihr “Meisterbuch” für 1654-1750, also ihre hochinteressanten Annalen des Korndreschens und Brezelbackens, mit einem Pergamenteinband, für den ein aus einem Vergil-Kodex des 9. Jahrhunderts herausgetrenntes Doppelblatt verwendet wurde; es enthielt, in einer schönen karolingischen Minuskel geschrieben, den für uns ältesten Textzeugen eines Teils der Appendix Vergiliana. Über dieses Korpus, das u.a. die traurige Geschichte von der lebensrettenden, aber dennoch erschlagenen Mücke, das heiße Gedicht über eine erotische Schankwirtin und das Rezept für das von lebendigen Lateinern wie Valahfridus gern gegessene Kräuterkäsegericht enthält, wird Fabian Zogg aus Zürich zu uns sprechen – aber wie ist er, der sich doch über den Frieden des Aristophanes promovierte, dazu gekommen? Nun, es gefiel ihm nicht, dass in Bayern an Gymnasien in Q 12 von Vergil praktisch nur die sogenannten “Durchblicke” der Aeneis gelesen werden, und so wiederholte er die Aktion des Protagonisten im Frieden, indem er auf einem Mistkäfer hinauf zum Himmel zu Zeus ritt und diesen dafür zu sorgen bat, dass Texte der Appendix Vergiliana – darunter ja auch die hochwissenschaftliche Erklärung des Vulkanismus – zur Schullektüre erhoben würden. Der Vater der Götter und Menschen wiederum gelobte unter einer Voraussetzung seine Bereitschaft: Fabian müsse einen so überzeugenden Vortrag halten, dass die “Durchblicke” niemanden mehr interessieren würden, und dann werde er, Zeus, den bayerischen Kultusminister und den lehrplanenden Werner Scheibmayr dahingehend erleuchten, dass künftig z.B. der Text fürs Lateinabitur aus der Aetna genommen werde, die ein so erfreulich reichliches naturphilosophisches Vokabular hat; da gemunkelt wird, man werde nach einer kurzen G 9-Phase wieder zu G 8 zurückkehren, wird ja schon bald Gelegenheit zur Aufnahme der Appendix in den Autorenkanon der Q 12 sein. Zeus wusste übrigens auch, dass eine der vielen PSMS-Bräuche, nämlich dass Vortragende sich vom Ehepartner vorstellen und die Diskussion leiten lassen, seit zehn Jahren nicht mehr gepflegt wurde, nämlich seit dem 19. April 2010, an dem Gareth Schmeling, Mitgründer der amerikanischen “Petronian Society”, von seiner gräzistischen uxor Silvia Montiglio moderiert wurde, und so bat der Wolkensammler um Wiederaufnahme. Gut, dass auch Fabian eine gräzistische uxor hat, nämlich Laura Napoli, die am selben Institut lehrt wie er, und so kann Zeus auf jeden Fall in diesem Punkt entgegengekommen werden. Es besteht aber auch große Hoffnung, dass Fabian die Bedingung des Gottes erfüllen wird und somit künftig von bayerischen Gymnasiasten statt der Prophezeiung Jupiters an Venus künftig z.B. Vergils Verfluchung seines konfiszierten Landgutes oder die Moritat von der dem Vater von der Tochter aus Liebe zum Kreterkönig abgeschnittenen magischen Locke gelesen wird. Das kann aber nur stattfinden, wenn Sie/Ihr dem Fabian in Scharen die Ehre gebt, und wir können schon deshalb einen ebenso kompetenten wie unterhaltsamen Vortrag garantieren, weil Fabian gerade zusammen mit seinem Freund Sheldon (!)  an keinem geringeren Ort als Oxford eine internationale Konferenz über die Appendix Vergiliana organisiert hat. Zu seinem Vortrag bei uns und zum anschließend bei der “Petronian Party” von Julia und Pavlinka zu servierenden Kräuterkäsegericht lädt herzlich ein

Ihre/Eure PSMS

 

Vortrag am 26. April 2017

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Dr. Sven Lorenz (Ludwigsgymnasium München)

“Martial und Juvenal”

Diskussionsleitung: Julian Zwirglmaier (Bayerisches Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst)

 

26.04.2017, 19:15 Uhr, Lyrikkabinett München

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der PSMS,

auch die letzte Lederhosn, das letzte Dirndl und die letzten Haferlschuah müssen es anerkennen: Ein Saubreiß musste her, damit die LMU von 1997 an zumindest vorübergehend zum Zentrum der internationalen Martial-Forschung werden konnte. Gewiss, dort war schon neun Jahre zuvor ein kleines weißblaues (!) Büchlein mit Ausführungen zu den wichtigsten Aspekten der Interpretation des Epigrammatikers entstanden, als Sven Lorenz, der Vortragende des PSMS-Abends, zu dem hiermit eingeladen wird, im Herbst 1997 erstmals mit dem Autor jenes libellus in der Schwemme des Hofbräuhauses saß. Aber mit dem (ungewohnten) Maßkrug in der Hand legte Sven überzeugend dar, dass z.B. das in dem Büchlein über das Verhältnis Martials zu Domitian Gesagte verfehlt sein dürfte. This was the beginning of a beautiful friendship. Einige Jahre später zeigte Sven in seiner Martialmonographie mit dem Titel “Erotik und Panegyrik: Martials epigrammatische Kaiser” unter anderem, wie der epigrammatische Spaßvogel den Kaiser frech in seine Slapstick-Welt integriert, indem er Domitian vermuten lässt, er, “Marcus”, wolle von diesem ins Wasser geschmissen werden (1,5). Dergleichen machen komische Typen wie Dick und Doof, aber nicht ein Kaiser, es sei denn, er wird zum “epigrammatischen Kaiser” umfunktioniert. Genau dies geschieht aber laut dem Saubreißen Sven, jedoch an der LMU wurde das nicht gleich kapiert. Denn kurz nach dem Erscheinen von Svens Buch in der Reihe der “Classica Monacensia” rief der eine der beiden Herausgeber den anderen entsetzt an und sprach: “Auf dem Buch ist gleich vorne drauf ein schrecklicher Druckfehler. Denn statt ‘Martials epigrammatische Kaiser’ muss es doch wohl ‘Martials epigrammatische Dichtung’ heißen!” Nun, Svens Buch wurde trotzdem ein Erfolg, und so hat er sich nach Publikation vieler weiterer Arbeiten über Martial dem Zeitgenossen Juvenal zugewandt, um sich auch mit den satirischen Kaisern zu beschäftigen. Aber das ist nur die eine Seite seiner Tätigkeit. Die andere ist die eines in Wort und Schrift sehr wirkungsmächtigen Schulmannes, was wiederum wegen seiner saubreißischen Herkunft an ein Wunder grenzt. Denn vom Gymnasialbetrieb im Norden hält man in Bayern wenig, wie z.B. der Autor des weißblauen Martialsbüchleins erfuhr, als er im zarten Jünglingsalter von einer breißischen an eine bayerische Humanistenanstalt überwechselte. Da sagte ihm ein Lehrer, die Sprachenfolge “da oben” sei im Vergleich mit der “hier bei uns” doch wirklich das Allerletzte – “hier bei uns” werde Englisch, ein denkbar unwichtiges Schulfach, vernünftigerweise erst als dritte Fremdsprache nach Latein und Griechisch gelehrt, und in weniger Wochenstunden, jawohl! Und in beiden alten Sprachen werde anders als in Norddeutschland bis in die 9. Klasse überwiegend vom Deutschen ins Lateinische bzw. Griechische übersetzt, wozu die Breißn, die das nicht machen, vermutlich zu deppert seien. Offensichtlich vermochte sich aber der Breiß Sven “hier bei uns” in mehreren Bereichen kräftig durchsetzen (Er lehrt übrigens auch Englisch). Wie das geschehen konnte, wird sein Diskussionsleiter Julian Zwirglmaier von höchster Stelle aus darlegen; er ist zur Zeit Mitarbeiter von Ministerialrat Dr. Rolf Kussl. Noch eine dritte Leistung Svens sei zum Schluss kurz gewürdigt: Als die PSMS am Ende des letzten Jahrtausends ein wenig in die Krise geriet, sich aufzulösen drohte und nur Werner Suerbaum sein Bedauern kundtat – auch mit dem Verstehen dessen, was die PSMS sollte, hatte die LMU sich bis dahin eher schwer getan -, gehörte er zu der Viererbande, die in einem Chambre separée des Ristorante “Il Mulino” die Weiterführung beschloss und so die Grundlage dafür schuf, dass wir nun schon zum 190. Vortrag einladen können. Und dass wieder möglichst viele Interessierte uns die Ehre geben werden,

hofft inständig
Ihre/Eure PSMS

Vortrag am 08. Februar 2017

Dr. Matthias Hengelbrock (Altes Gymnasium Oldenburg i.O.)

Seneca“In Einklang mit der Natur: Seneca und die Philosophie der Stoa”

Diskussionsleitung: OStR Henriette Kebekus (Max-Josef-Stift München)

Mittwoch, 08. Februar 2017, 19:15 Uhr, Lyrikkabinett München

 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der PSMS,

ja, wer es auf Anhieb vermutete, als er/sie den Namen des Vortragenden las, hatte recht: “Von jenem edlen Brüderpaar / ist dies das andere Exemplar.” Auch fratres gehören in den petronianischen Diskurs, selbst wenn sie in den Satyrica eigentlich keine Rolle spielen; frater wird in der Romanhandlung nur von Enkolp für seinen puer delicatus Giton verwendet. Natürlich wäre es ganz im Sinne der PSMS-Tradition gewesen, wenn Matthias Hengelbrock seinen Bruder Thomas dazu gebracht hätte, den Diskussionsleiter zu machen – und nicht nur das, sondern sich auch noch während der anschließenden Petronian Party mit ihm brüderlich zu einem Instrumentalduett zu vereinen; denn musikalisch steht der Vortragende dem Elbphilharmonie-Bruder in nichts nach, ja er ist – um Henriette Kebekus, die für Thomas dankenswerterweise eingesprungen ist, in diesem Punkt vorzugreifen – einer der Juroren beim Preis der deutschen Schallplattenkritik und folglich von Musikern, speziell denen, die Kompositionen des 17./18. Jahrhunderts darbieten, sogar gefürchtet. Aber auch wenn Matthias und Thomas uns nun kein Bruderduo für Violine und Bratsche bieten werden, so freut es uns umso mehr, das wir einen Ersatz ankündigen können: Am 24. Mai dieses Jahres wird Bettina Plecher (wie Matthias Hengelbrock “nebenbei” Latinistin), die Autorin von zwei im Münchner Ärztemilieu spielenden rororo-Krimis in Begleitung einer nur aus Ärzten bestehenden Band bei uns auftreten und die bei uns schon länger abgerissene Tradition der Autorenlesung (die letzte war 2012) wiederbeleben. Was Brüder betrifft, hatten wir vor 13 Jahren immerhin einen Zwilling als Vortragenden, den prominenten Petronianer Costas Panayotakis, der uns erzählte, wie er und sein Bruder Stelios einst, gerade fertig mit dem Studium an der Universität von Rethymno auf Kreta, eines Tages beschlossen, in den Westen zu gehen und wissenschaftliche Karriere zu machen, wobei sie vorher die Ressorts romanhaft brüderlich aufteilten: “O Stelie, adelphídion mou, I vill do Petronius, so zis leaves Apuleius for you!” Zwar blieb Stelios im Gegensatz zu Costas dem Vorsatz nicht getreu, indem er, statt das zigste Buch über Apuleius zu schreiben, das erste wirklich gute über die Historia Apollonii regis Tyri verfasste UND AUCH NOCH nach Kreta zurückkehrte (Costas dagegen landete in Glasgow), aber Trimalchio hat sich jetzt in den Kopf gesetzt, die beidem demnächst zusammen auftreten und das Publikum raten zu lassen – als Preise winken PSMS-Ehrenmitgliedschaften -, wer jetzt Costas und wer jetzt Stelios ist. Deshalb unternimmt Trimalchio Ende Februar eine Dienstreise nach Kreta, um – wie einst Major Fermor den General Kreipe – den Stelios zu entführen; Costas ist leichter herzukriegen, weil er oft im Thesaurus arbeitet und man ihn dort nur mit einem der et-Karteikästen erpressen muss: “Costas, if you don’t giff a paper togezer  viss your tvin brozer Stelios, I’ll drop zis et-box and tell Friedrich zat YOU did it!” Okay, sollte das aber alles nicht funktionieren, haben wir auch noch die Option des PSMS-Auftritts von zween Schwestern, die gleichfalls von weit her kommen, in der pipeline – nur wird da noch nichts verraten. Irgendwie sind ja auch Seneca, über den Matthias Hengelbrock sprechen wird, und Petron Brüder, zumindest bei Tacitus: Die zwei haben sich zwar nicht die wissenschaftlichen Themen untereinander aufgeteilt, dafür aber die Selbstmordmethode und den jeweiligen philosophischen Hintergrund. Allein schon das rechtfertigt es, dass nun doch auch einmal über den Verfasser der Epistulae morales auf Einladung der PSMS gesprochen wird, obwohl er, wie man allgemein annimmt, von Petron im Roman mehrfach parod … “Trimalchio, vill you shut ze f*** up now,” ertönt gerade die Stimme des von der Thesaurus-Arbeit in den Atzinger kommenden Costas, “you are just babbling a load of rubbish, because you are cross viss Thomas for not chairing his brozer!” Okay, Costas, aber es wird sich dennoch lohnen, zum Vortrag Matthias Hengelbrocks zu kommen, weil es auch das erste Mal sein wird, dass der Vortragende zwei Meter groß ist, so dass Henriette vielleicht auf einen Stuhl steigen muss. Und dass es sich jemals nicht gelohnt haben sollte, zu uns zu kommen,

bestreitet wild
Ihre/Eure PSMS
P.S. Übrigens hat Werner Suerbaum einen Bruder namens Ulrich, welcher ein bekannter Anglist ist und deshalb u.a. mal als Sachverständiger in einer ZdF-Quizsendung auftrat – wie man sieht, sind die Möglichkeiten, die sich der PSMS bruder- und schwestermäßig auftun, unbegrenzt!
P.P.S. Für den Hengelbrock-Abend hat sich der Bruder eines der PSMS-Vorstände angekündigt, der zum letzten Mal im Juli 2011 da war. Wer die Ähnlichkeit erkennt, wird auf jeden Fall Ehrenmitglied.
P.P.P.S. Mindestens Zwilling Costas wird am 8.2. ebenfalls anwesend sein, direkt vom Thesaurus kommend!

Vortrag am 12. Januar 2017

OStD Michael Hotz (Wilhelmsgymnasium München)

“Bruchladung in Rom – oder: Was hat Phaethon im Vierströmebrunnen zu suchen?

Diskussionsleitung: OStR Georg Otto (Wilhelmsgymnasium München)

Donnerstag, 12.01.2017, 19:15 Uhr, Lyrikkabinett München

 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der PSMS,

wie jeder weiß, verwechselt Trimalchio, wenn er von Mythen spricht, manchmal die Personen. So bezeichnet er Hannibal als einen Eroberer Trojas, lässt den Daniel Düsentrieb der Antike, Dädalus, die Niobe ins Trojanische Pferd einsperren und Kassandra ihre Söhne ermorden, die, auf einem seiner Trinkbecher abgebildet, als Tote so realistisch dargestellt sind, dass man glaubt, sie wären lebendig. Liest man nun Kommentare von Altphilologen zu solchen Äußerungen des reichen Freigelassenen, können diese sich nicht genug tun mit ihrem verachtungsvollen Spott über so üble Schnitzer, und sie vergleichen Trimalchio mit ungebildeten Neureichen unserer Zeit, die nach ihrer Rückkehr vom Urlaub in Rom stolz behaupten, sie hätten dort die berühmte Sixtinische Kapelle gehört. Ist ein solcher reader response, den man als communis opinio bezeichnen kann, die einzig mögliche Form der Interpretation? Man muss wissen, dass niemand strenger gegenüber Fehlern ist, die mit der klassischen Antike zu tun haben, als Altphilologen. Für sie, besonders die gestrengen Leiter von Stilkursen, kommen Grammatikschnitzer wie das Setzen eines Konjunktivs Präsens im Nebensatz nach einem historischen Perfekt im Hauptsatz bei Gleichzeitigkeit, also ein Verstoß gegen die consecutio temporum, gleich nach Mord. So eine Einstellung könnte den Blick dafür verstellen, dass Trimalchio, der ja einen aufgeblasenen Rhetor namens Agamemnon und drei fahrende scholastici an der Tafel liegen hat, eingebildete Bildungsbürger wie diese vielleicht ganz bewusst verulkt, und zwar in der Hoffnung, sie würden sich ebenso entsetzen wie einst der treffliche Erlanger Doctorandus Christoph Stöcker in seiner Dissertation “Humor bei Petron”, die unter dem höchst originellen Moddo “Der Drimalllcho, des is scho a rechter Depp, fei echt!” steht. Wenn wir uns also den Titel von Michael Hotzens Vortrag ansehen, “Bruchlandung in Rom – oder was hat Phaethon im Vierströmebrunnen zu suchen?”, könnten wir argwöhnen, hier werde jemand, der den Sohn des Sonnengottes in einen wasserspendenden Born statt in den Po stürzen lässt, ebenso für ungebildet erklärt werden. Vielleicht weist der Michi diesem banausischen Fontifex sogar nach, dass er “Phaethon” ohne das “h” hinter dem “t” schreibt und den Namen nicht nach der im Deutschen für die Aussprache antiker Wörter geltenden lateinischen paenultima-Gesetz auf dem “a” betont, sondern auf dem “e”. O je, das beides wäre ja sogar noch schlimmer als Mord! Zwar würde er dann griechisch betonen, aber man sagt ja auch nicht “Sokrátes” oder “Aischýlos!!! Irgendwie können wir aber nicht glauben, dass der Michi, der doch ein stets ausgesprochen freundlicher Zeitgenosse ist (wie auch sein diesmaliger Diskussionsleiter Georg Ott), sich über Versehen solcher Art erhebt oder sie gar tadelt. Man muss nämlich eines bedenken: Bayern ist eines der wenigen Länder im deutschen Sprachraum, in denen Trimalchio trotz seiner verdrehten Sagenanspielungen insofern die Ehre gegeben wird, als seine Cena einen hohen Stellenwert im gymnasialen Lektüreunterricht hat, während diese z.B. LateinelevInnen in zwei Nachbarländern, Österreich und Baden-Württemberg, kaum bekannt ist. So richtig gewürdigt scheint er uns auch in den Schulen eines weiteren, der Schweiz, nicht gewürdigt zu werden. Aber immerhin hört man munkeln, dass dort jetzt endlich eine Schwestergesellschaft der PSMS gegründet werden soll, nämlich in Basel. Wer da am Werk ist? Dazu kann man leider mit Tacitus und Werner Suerbaum nur sagen: “Nix gwiss woas ma neda!”. Fest steht nur, dass der Initiator der “Petronian Society Basel Section” NICHT der Toni Bierl ist, der doch einst in München studierte, sogar mit dem Merkle, einem Archipetronianus, als etwa gleichaltrigem Kommililitonen! Nun denn, warten wir ab, was aus der Stadt, die vor 500 Jahren alternativ-aufmüpfig genug war, dass sie in ihren Mauern den Druck des griechischen Neuen Testamentes gestattete, obwohl sie damit rechnen musste, dass der Vatikan dieses Buch sofort auf den Index setzen würde (was auch geschah), ja, warten wir ab, was aus dieser Stadt für eine weitere Alternative zum üblichen akademischen Ritual kommen wird. Wir pflücken jetzt erst einmal den Tag und freuen uns auf Michis Vortrag und Schorschis Moderation, veranstaltet von der guten alten

PSMS, die sehr herzlich dazu einlädt und Ihnen/Euch allen erholsame Feiertage und ein gesundes neues Jahr wünscht

Vortrag am 14. Dezember 2016

Prof. Dr. Christine Walde (Johann-Gutenberg Universität Mainz)

“Kulturgeschichte des Schlafs in der Antike”

Diskussionsleitung: Stadträtin Barbara Leininger (Ingolstadt)

14.12.2016, 19:15 Uhr, Lyrikkabinett München

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

es war eine gute Idee Trimalchios, Christine Walde, die Weltspezialistin für antikes Träumen, zu einem Vortrag über den Schlaf – und das heißt im Falle der Antike, auf die sie sich beschränken wird, den Schlafgott Somnus (griech. Hypnos) – einzuladen. Das nicht nur deswegen, weil Trimalchio sich bisher mehr für Thanatos, den Bruder des Somnus/Hypnos, interessiert und da ein Nachholbedürfnis hsomnus-figure-by-wedgwood-jpgw500h350at, und auch nicht nur deswegen, weil eine Woche nach Christines Vortrag offiziell der Winterschlaf beginnt. Nein, vor allem doch wohl deswegen, weil Vertreter des Fachs Altphilologie, speziell die Studenten, ein spezielles Verhältnis zum Schlaf haben: In 90% der Hörsäle des deutschen Sprachraums, in denen Altphilologie gelehrt wird, errichtet in der Regel schon bald, nachdem der Professor mit seiner Vorlesung begonnen hat, Somnus über fast alle Hörer seine Herrschaft (außer über Streber wie Sheldon Cooper, die zum Betreiben der Gesichtsmassage hellwach sein müssen). Woran liegt das? Gibt es das immer noch, dass ein Professor, der für ein Semester mit 15 Doppelstunden “Römische Satire” (Lucilius, Horaz, Persius, Juvenal) angekündigt hatte, in der 13. Sitzung, nachdem er zwölf Sitzungen lang anhand des Grammaticus Diomedes überlegt hat, ob der Begriff von einem römischen Mischgesetz oder einer Pizza Calzone  oder sonstwoher kommt, nun mit der Interpretation der Fabel von der Haubenlerche beginnt, die in der satura des Ennius gestanden haben soll (oder den saturae – das könnte man in der 14. Sitzung überlegen!), weshalb zu erwarten steht, dass nicht einmal mehr Horazens makulierte nocturna vestis zur Sprache kommen wird, die doch aufwecken könnte? Dass es sowas noch gibt, kann man sich eigentlich in der Ära der credit points, die bekanntlich als Ansporn das studentische Interesse erheblich gesteigert haben, nicht vorstellen. Der wahre Grund muss sein, dass an unseren almis matribus zu wenig über Petron gelehrt wird. Deshalb wurde ja auch vor 25 1/2 Jahren die “Petronian Society Munich Section” gegründet, unter deren bisher 186 Vorträgen immerhin acht über die Satyrica gingen. Wie es so kommt, wird Christine Waldes Moderatorin die Frau sein, welche den allerersten Anstoß zur Formierung der PSMS gab: Barbara Leininger, Oberstudienrätin am Reuchlin-Gymnasium in Ingolstadt und Stadträtin daselbst; Letzteres vermutlich weil die WählerInnen ihre trimalchionische Initiative zu würdigen wussten, ja, ganz bestimmt! Was gab der Barbara die exquisite Idee ein? Es war die Tatsache, dass sie 1990 bei einer Fortbildungsveranstaltung für Lateinlehrer während des Vortrags eines Universitätsprofessors über Phaedrus ausnahmsweise nicht schlief. Zwar wurden auch ihre Augen schon bald nach Beginn des Vortrags schwer, aber weil es sie plötzlich empörte, dass der Redner als Hauptthese in den Raum stellte, der Fabeldichter sei ein totaler Depp gewesen und verdiene die Lektüre nicht, wurde sie hellwach. Denn sie dachte (ohne zu ahnen, dass die treffliche Ursula Gärtner eines Tages Phaedrum als ausgebufften, selbstreflexiven, intertextuell genial vernetzten Poeta nachweisen würde) ganz einfach an die bedeutendste Novelle der Weltliteratur, die von der Matrone von Ephesus (in der z.B., wie ein korrespondierendes Mitglied der PSMS in der Schweiz kürzlich in einem glänzenden Aufsatz zeigte, der Erzähler Eumolp sich selbstreflexiv in der ancilla spiegelt, wow!), und daran, dass Phaedrus diese Novelle ja schließlich auch erzähle. “Dem Manne kann geholfen werden”, rief Barbara, fuhr zurück nach München, trommelte ein paar nette Typen zusammen, es entstand als erste Veröffentlichung eine Phaedrus-Bibliographie mit Impressum “Petronian Society Munich Section”, und schon bald kam Heinzi Hofmann aus Groningen und hielt den ersten Vortrag (extra über Apuleius, nicht über Petron). Also, zum Abschluss des glorreichen Jubiläumsjahrs besteht nun auch noch Gelegenheit, nach einem anderen Mitgründer, dem titanischen Festredner Stefan Merkle, die Initiatorin kennenzulernen. Und vielleicht erscheint ja diesmal auch – nein, nicht Trimalchio, sondern Somnus höchstpersönlich; er muss freilich erst, wie wir beim Ovidio in Metamorphoseon libro XI lesen, “sich von sich selbst abschütteln”. Doch er wird keine Macht über das Auditorium ausüben können, weil es ganz einfach ein ganz faszinierender Vortrag, eine charmant-witzige Moderation auf Stadtratsniveau und eine berauschende Petronian Christmas Party werden werd.

Verspricht Ihnen/Euch
Ihre/Eure PSMS

Vortrag am 09. November 2016

satyricon_1-smChristine Friepes und Dr. David Neu (Erding)

“Mündlicher Sprachgebrauch in der römischen Literatur – Gedankensplitter zum Lektüreunterricht (Inschriften, Catull, Petron, Martial)

Diskussionsleitung: gegenseitig

09.11.2016, 19:15 Uhr, Lyrikkabinett München

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der PSMS,

Seit neuestem interessiert sich Trimalchio dafür, wie an der Universität Neapel, die in seiner Nähe ist, lateinische Literatur gelehrt wird. Er weiß nur, dass es dort einen Lehrstuhl für Philosophie gibt, den einst Philodem von Gadara begründete, kennt aber nicht den Namen des derzeitigen Inhabers. Dann ist da z.B. noch das von Trimalchios Freund und Cena-Dauergast Agamemnon geleitete Department für Rhetorik und das von Nero persönlich für Frau Prof. Dr. med. tox. Locusta geschaffene Institut für angewandte Toxologie. Ach ja, und es gibt tatsächlich auch einen Lehrstuhl für lateinische Literatur, den einst Vergil begründet haben soll, aber er war extrem menschenscheu und deshalb nie da. Inzwischen hat immerhin jemand, der als litteris Latinis imbutus heftig gepriesen wird, ein Seminarium perpetuum mit dem Titel “Orbes Remoti” eingerichtet; sein exotischer Name ist Jacobus Tiberius Ecclesia, aber was er genau in seinen Veranstaltungen treibt, konnte Trimalchio nur mit Mühe in Erfahrung bringen. Wer hat Trimalchio schließlich informiert? Croesus, sein puer delicatus, der in Neapel Stilübungen belegt hat, weil er das Vulgärlatein satt hat. Er konnte berichten, dass Ecclesia mit seinen Studenten immer in so etwas steigt, was Croesus aus einer Szene in dem Film “De vita Briani” kennt, ein schiffsartiges Ding, das sich, wenn alle darin sitzen, in die Lüfte erhebt und bald hinter den Wolken verschwunden ist; an Bord wird auch nicht Lateinisch und schon gar nicht vulgärlateinisch gesprochen, sondern die lingua Britannica, welche die Studenten, bevor sie Mitglieder in Ecclesias Seminarium werden können, bei Frau Dr. Boudicca aus Camoludunum lernen müssen. Auf korrektes Ti-ejtsch und Dabbel-ju legt Ecclesia allerdings keinen Wert, weil er da selber nicht gut ist; er soll, wenn seine Studenten nichts zur Diskussion beitragen, zu ihnen sagen: “Ve heff ze vays of mecking you tock.”. Also, dieses Seminarium ist Trimalchio zu abgehoben, und deshalb ist er froh, dass er in einem Dorf namens Terrigena, gar nicht weit von seiner Villa, ein Gymnasium entdeckt hat, an dem die beiden Vortragenden des hiermit angekündigten Abends, Christine Friepes und David Neu, lateinische Literatur lehren. Sie behandeln nämlich in ihren Unterrichtsstunden gerne Texte, in denen kolloquial gesprochen wird, vor allem solche, die in Inschriften festgehalten (z.B. in Pompeji) und die bei Catull und Martial, ja auch bei Petron zu lesen sind. Und weil Trimalchio so etwas nicht abgehoben findet – die beiden fahren immer mit der S-Bahn nach Neapel, benutzen also nicht so ein komisches Luftschiff -, hat er die beiden Lehrkräfte zu einem Vortrag eingeladen. Da wird dann z.B. von dem Gedicht Nr. 84 Catulls die Rede sein, in dem der Dichter einen Arrius wegen dessen Sprechweise verspottet; Trimalchio ist bereits aufgefallen, dass in den nur 12 Versen 40 mal ein “s” und zweimal ein “x” vorkommt, woraus man schließen könnte, Arrius habe eine feuchte Aussprache; Frau Dr. Boudicca aus Camelodunum würde deshalb zu ihm sagen: “Say it, don’t spray it!” Aber David Neu hat angekündigt, dass er mehr über das Gedicht sagen kann, worauf Trimalchio sehr gespannt ist. Oder: In seinem bekannten dreizeiligen Epigramm in Petr. 34, Vers 2, sagt Trimalchio bekanntlich über das Aussehen des auf dem Tisch liegenden (und im Logo der PSMS festgehaltenen) Skeletts: sic erimus cuncti, postquam nos auferet Orcus, und Trimalchio weiß selber nicht, wie er dazu kam, nach postquam Futur I zu setzen. Aber David Neu wird es ihm erklären. Und Christine Friepes wird Empfehlungen geben, wie man die Schüler, denen es (leider) total wurscht ist, welches Tempus hier gebraucht werden müsste, dazu kriegt, sich auf einmal für das Problem zu interessieren. Und siehe da: So wird auch endlich einmal wieder an einem von der “Petronian Society Munich Section” veranstalteten Vortragsabend von Petron die Rede sein! Wer weiß, vielleicht erscheint der Autor sogar endlich einmal selber im Lyrikkabinett, nachdem er Christine Walde, die im Oktober 2014 den vorletzten von bisher fünf Petron-Vorträgen bei uns hielt, nur im Traum erschienen war (darum wird sie heuer am 14. Dezember bei uns über die Kulturgeschichte des Schlafs in der Antike sprechen). Da immerhin die Möglichkeit besteht, dass Petron tatsächlich aus dem Hades Urlaub nimmt und auftaucht und ein wirklich interessanter, auch schulisch anwendbarer Vortrag von Christine und David zu erwarten ist,

lädt wieder besonders herzlich ein
Ihre/Eure PSMS

Vortrag am 12. Oktober 2016

2380px-roman_empire_125_de-svgMinisterialrat a.D. Alfons Städele (Vaterstetten)

“Wie man von Rom aus zu den Hohlköpfen kam: Die Vorstellungen vom Römischen Reich und seinen entfernten Nachbarn in der Kaiserzeit”

Diskussionsleitung: Nadine Cisar (München)

 

12. Oktober 2016, Lyrikkabinett München, 19:15 Uhr,

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der PSMS,

Trimalchio liebt es, hochaktuell zu sein, und da zur Zeit viel von Begegnung mit dem Fremden und den Fremden die Rede ist, freut er sich natürlich, dass Alfons Städele sich bereit erklärt hat, über Randvölker des Römischen Reiches zu sprechen, z.B. die Nation der Hohlköpfe. Bayern ist ja besonders fremdenfreundlich, ja extrem fremdenfreundlich sogar, weswegen es sich nicht scheute, 1949 in die Bundesrepublik einzutreten. Allerdings bestand es von Anfang an auf allerlei Sonderrechten, und eines musste Alfons Städele als zuständiger Ministerialrat alljährlich in Bonn und danach in Berlin verteidigen: dass die bayerischen Sommerferien IMMER von Ende Juli bis in den September hinein gehen, also die Ferienzeit nicht im Wechsel mit den anderen Bundesländern sich jährlich ändert; ob der weißblaue Ambassadeur autorisiert war, für den Fall, dass irgendein verständnisloser Saubreiß verlangen würde, der Freistaat solle sein Prinzip aufgeben, mit Bayerns Austritt aus dem Bund zu drohen, weiß Trimalchio nicht. Er selbst heißt alte Konventionen stets gut, und drum hat er es geschafft, dass die in seinem und seines Schöpfers Petron Namen neunmal im Jahr veranstalteten Vorträge bereits 25 Jahre lang angeboten werden und nunmehr Alfons Städeles Vortrag das zweite Vierteljahrhundert PSMS einleitet. Weil unser besonders treuer Werner Suerbaum, der bereits im allerersten Vortrag saß, Statistiken mag, schauma doch mal, was sich da so feststellen lässt für die 25 Jahre. Faszinierend z.B. ist, dass von den mittlerweile insgesamt 184 Vorträgen nur acht über Petrons Roman gingen, davon drei nicht über den Text als solchen, sondern über dessen Nachleben. Aber dieses Abweichen vom zu Erwartenden ist eben gerade typisch für Trimalchio, wie bei einer Feier zum 25. Jubiläum im allerengsten Kreis Stefan Merkle in seinem Festvortrag sehr wohl berücksichtigte. Er meinte, dass ein anderes Jubiläum ebenso wichtig sei wie das der PSMS, nämlich der Untergang der HMHS (nicht PSMS) “Titanic” 1912, was ja auch von 2016 aus gesehen eine runde Zahl ergebe, und sprach also ausschließlich über dieses Jubiläum. Ja, und er wies nach, dass nach antiken und trimalchionischen Vorstellungen dieses Schiff habe untergehen MÜSSEN; die Parzen hätten es unwiderruflich verhängt, eben weil es “Titanic” geheißen habe und die Titanen bekanntlich von den olympischen Göttern in den Hades getaucht wurden. Wie, das reicht nicht aus als Argument? Nur keine Ungeduld! Es gab nämlich zwei Schwesterschiffe, die “Olympic” und die “Gigantic”. Zwar habe man versucht, den analogen Untergang der “Gigantic” – auch die Giganten wurden ja in den Orkus getunkt – zu verhindern, indem man sie in “Britannia” umbenannte, aber die Parzen lassen sich nicht foppen: Die “Britannia” wurde im Ersten Weltkrieg vom Feind versenkt. Und die “Olympic”? Klar, den olympischen Göttern teuer, lebte sie friedlich bis zur Verschrottung – quod erat demonstrandum. Doch zurück zur Statistik! Von den 184 Vortragenden kamen immerhin 38 von einem Ort in Bayern bzw. einem Stadtteil in München. Allerdings waren nur drei von ihnen so richtig in jeder Hinsicht autochthone Bürger des Freistaates, nämlich Stefan Merkle, Markus Schauer und jetzt – Alfons Städele. Aber kann man das Allgäu, wo er herkommt, und den Bayerischen Wald, wo Caesars aktuellster Biograph seine Wiege hatte, wirklich zählen? Echt boarisch redn dean de da neda, also bleibt wieder nur der Merkle vo Minga (MvM). Doch was hätte der nun gemacht, wenn wir ihn statt Alfons Städele eingeladen hätten? Am End hätte er irgendetwas Spannendes, gymnasial Relevantes angekündigt und dann über etwas total anderes geredet, z.B. warum sei Radl der Marke “Hercules” einst, als er es grad vorm Haus abgestellt hatte, plötzlich in Flammen aufging und in den Himmel auffuhr. Das Thema mag zwar trimalchionisch sein, aber da auch das Kultusministerium immer einlädt und dann wirklich stattfinden muss, was angekündigt ist, müssen wir modifizieren. Aber seien Sie/seid beruhigt, denn es wird gar nicht so fremd zugehen an jenem Abend, trotz des Themas, sondern gut-bayerisch, jawohl, und deshalb lädt wieder besonders

herzlich ein

Ihre/Eure PSMS

Vortrag am 13. Juli 2016

5275493063_fc26529fe3StD Ulf Jesper (Universität Kiel)

“Binnendifferenzierender Lateinunterricht: Praktische Hilfen für den Alltag”

Diskussionsleitung: Dr. Sven Lorenz (München)

13. Juli 2016, 19:15 Uhr, Lyrikkabinett

 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der PSMS,

das laufende Sommersemester ist ja das Semester des Jubiläums “25 Jahre PSMS”. Dessen hätte man an sich schon bei Stefan Weises Vortrag am 18.5. gedenken müssen, da der allererste Vortrag, Heinz Hofmann über Apuleius, am 15.5.1991 stattfand. Aber der erste Vortrag speziell zu Petron war im Juli, am 3.7.91, und er wurde von einem der damals berühmtesten Petronianer UND dem Mitgründer der amerikanischen Petronian Society, John Patrick Sullivan von der University of California, Santa Barbara, gehalten; hinzu kam, dass im Zusammenhang mit ihm noch etwas irgendwie Cenatrimalchionistisches geschah: John fuhr danach weiter nach Verona, schrieb an uns von dort Ende Juli 1991 eine Postkarte, und die kam – die italienische Post blieb sich treu – im November 1994, als John schon verstorben war, in München an – und das ist ja noch schnell, wenn man bedenkt, das einmal ein Brief von Kirchenvater Hieronymus an Kirchenvater Augustin neun Jahre unterwegs war. Also, auf jeden Fall ist aus Anlass von Ulf Jespers Vortrag, 25 Jahre und 10 Tage nach demjenigen Johns, ein Gedenken des Jubiläums immer noch wunderbar passend. Das nun aber auch deswegen, weil Ulfs Titel “Binnendifferenzierender Lateinunterricht: Praktische Hilfen für den Alltag” schon etwas anders klingt als derjenige Johns vor 25 Jahren: “Lady Chatterly in the Roman Novel”. Damals etwas speziell auf den antiken Roman Bezogenes, der ja das Hauptthema der PSMS-Gründer war, moderne Literaturwissenschaft, Dekonstruktion, Intertextualität, Roman sexualities, self-reflexive poetics, auf Englisch gehalten usw. – jetzt eine Überschrift, von der Trimalchio kein einziges Wort versteht; “quid est binnendifferenzierend?” fragt er den neben ihm sitzenden Rhetorikprofessor Agamemnon, während er Lady Chatterly natürlich bestens kennt und sie sogar schon an seiner Tafel hatte (weswegen Fortunata vor Eifersucht fast platzte). Gut, wir hatten von Anfang an auch fachdidaktische Vorträge dabei, aber die waren auf den antiken Roman bezogen; schon am 24.6.1992 sprach Karl-Heinz Niemann, der wie Ulf Jesper zu Deutschlands prominentesten Fachdidaktikern gehört, zum Thema “Romanlektüre im Lateinunterricht – Erfahrungen und Vorschläge”. Aber jetzt – ein Thema, für das extra der allwissende Sven, der die Münchner Martial-Schule entscheidend prägte, zur Zeit sein berühmtes lateinisches Lesebuch “Legamus” vorsorglich auch schon mal für die fünfte Lehrplanänderung, also nicht nur für die gerade anstehende, umschreibt und mittlerweile zu den Texten so gut wie jedes Wort angibt (also natürlich auch “et”), als sachverständiger Moderator geholt wird? Tja, auch “Petronian Societies” durchlaufen ihren Wandel, pánta reî, cuncta fluunt. Seit die PSMS aus Personalveränderungsgründen nur noch wenig Kontakt zur LMU hat – wenn Maria, eine der ganz wenigen Übriggebliebenen, zum Vortrag erscheint, wird sie deshalb stets mit “Hoch!”-Rufen empfangen -, sind die Kollegen von den Gymnasien in München und Umgebung zum Hauptpublikum geworden, ja aus ihren Reihen kommen auch die in höchsten Ehren zu haltenden Vorbereiterinnen der Petronian Party, allen voran Nadine Cisar, Julia Fuchs und Julia Gruschka, und überdies wird dankenswerterweise zusätzlich per KMS eingeladen. Und das alles verdient jetzt einfach mal ganz riesengroßen Dank und spornt an zur Fortsetzung mit Blick auf das nächste Jubiläum: Ulf Jespers Vortrag wird der 184. sein, also leuchtet am Horizont schon der 200. (in dem es vielleicht um das Thema “Anti-chronologische Zeitbestimmung” gehen wird, also darum, dass der Fortfall des Sozialisationsfaktors Uhrzeiger den monokausalen Zwang des chronologischen Ablaufs von 1-12 eliminieren und zu zeitunabhängiger schichtenspezifischer Analyse der Funktionszusammenhänge motivieren würde). Und darum kommen Sie/kommt Ihr bitte schon mal zum 184. Vortrag, damit wir da sowohl auf die 25 Jahre als auch auf die Zukunft und obendrein gleich auf Svens sechste Überarbeitung von “Legamus” und die Änderung des Titels in “Competentiamus”anstoßen können.