Vortrag am 19. Dezember 2018

Dr. Andreas Abele (Eberhard Karls Universität Tübingen)

“Naso a naso pendeat! Schüler- und Lehrerfrust auf der Bühne der Jesuiten”

Diskussionsleitung: Dr. Oliver Schelske (LMU)

Mittwoch, 19.12.2018, 19:15 Uhr, Lyrikkabinett München

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der PSMS,
Einem der bedeutendsten Dichter der Antike versagte die Welt im Jahre 1917, als er (vermutlich) 1900 Jahre tot war, schnöde jedes öffentliche Gedenken. Daran war sicherlich nicht der Krieg schuld, sondern überwiegend die damals international übermächtige deutsche Altphilologie, die auch Ovid nicht so recht verstand. Doch letztes Jahr und damit im Zeitalter des Dominats der anglophonen classici, die Ovid in den 80er/90er Jahren des letzten Jahrhunderts umfassend rehabilitierten, entschädigten ihn zahllose Aktivitäten vor allem außerhalb des deutschsprachigen Raums (Ausnahme bei uns in München: ein Ovid-Abend mit Schülerwettbewerb im Sophiensaal, initiiert von dem trefflichen Willy Pfaffel). Einer der Höhepunkte fand in Nasos Geburtsstadt Sulmo (heute Sulmona) in den Abruzzen statt: eine glanzvoll organisierte internationale Konferenz, zu deren Abschlussveranstaltung sogar der italienische Staatspräsident erschien. Trimalchio, der, um an diesem Festakt teilnehmen zu können, eigens den EuroStar in Napoli bestieg, hatte Mühe, sich durch die Carabinieri und die vielen Ovid-Fans den Weg zum Festsaal im Teatro zu bahnen, und er dachte, dass diese Form der (späten) Ehrung an sich ja sympathischer sei als die, welche den beiden nicht vergessenen anderen zwei großen augusteischen Poeten nicht lange nach 1917 anlässlich ihrer Jubiläen zuteil wurde: Damals wurden Vergil und Horaz primär von deutschen und italienischen Faschisten vor deren Wagen gespannt, indem z.B. der Bruder des “Duce” in Mantua einen Garten anlegte, worin jedes Gewächs angepflanzt wurde, das in Bucolica, Georgica und Aeneis irgendwie vorkommt. Also 2017 nun doch Ovid-Verehrung allerorten, dazu zahllose Publikationen. Nun hat aber die PSMS den von Werner Suerbaum, einem ihrer treuesten Vortragshörer, stets zur Beherzigung empfohlenen Satz audiatur et altera pars in ihre Statuten aufgenommen, und daher ist es nur folgerichtig, dass am 19.12.18 der neulateinkundige Andreas Abele aus Tübingen einen Vortrag halten wird, in dem es offenbar auch um das Ovid-Bild der Jesuiten geht und diese als Gegner des Dichters dargestellt werden: Naso solle an der Nase aufgehängt werden, haben sie wohl gefordert. Das klingt schlimmer, als es ist, denn aliquem naso suspendere entspricht einfach unserem “über jemanden die Nase rümpfen”. Aber hat die SJ sich damit begnügt? Über einen ihrer Großen in der frühen Neuzeit, Matthäus Rader, hört man immer wieder, er habe Ovids Geistesverwandten Martial mutig kommentiert. Aber das kann nicht stimmen. Denn seine Ingolstädter Ausgabe der Epigramme von 1599, die mehrfach neu aufgelegt wurde, verkündet schon auf dem Titelblatt, das Buch erscheine omni rerum et verborum obscenitate sublata, und tatsächlich ist es nur eine brave Auswahlausgabe. Immerhin musste sich Rader 1602 brieflich über ein in der Ordenszentrale kursierendes Gerücht beklagen, sein Martial enthalte alle Epigramme, quasi integrum Martialen nec purgatum nec castratum enarrassem (“= … kommentiert hätte”). Na, na, na – wie DER Verdacht wohl aufkam? Und haben die Jesuiten nun auch Ovid “gereinigt und kastriert”? Oder wie gingen sie mit ihm um? Wie man sieht, dürfen wir Andreas Abeles Vortrag mit Spannung erwarten, und er wird überdies von einem Freund und Kollegen moderiert, der – öfter mal was Neues – in unsern beiden Fächern ALLES, ja absolut ALLES weiß, weil er in der Redaktion von Gnomon und Année philologique sitzt: Oliver Schelske. Ja, und Trimalchios Weihnachtsfeier ist auch noch! Kommen Sie/kommt deshalb in großen Scharen!
Dazu ermuntert mit besten Wünschen für die Adventszeit
Ihre/Eure PSMS

Vortrag am 14. November 2018

Robert Reisacher (Augsburg)
“Raus aus dem Buch, rein ins Leben” – Schauplätze von Cäsars Bellum Gallicum im Original erkundet
Diskussionsleitung: Niklas Holzberg (München)
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der PSMS,
Es gibt die bekannte Geschichte, derzufolge Caesar, als seine Freunde beim gemeinsamen Vorbeimarsch an einem Alpendorf witzelnd fragten, ob es auch dort wohl Bewerbungen um Ämter, Rangstreitigkeiten um die Spitzenstellen und gegenseitigen Neid unter den Mächtigen gebe, zu ihnen sagte: “Ich persönlich wollte doch lieber bei diesen Leuten der Erste sein als bei den Römern der Zweite!” In einer der Handschriften, die den Text überliefern, steht nun statt “Alpendorf” “Schwabendorf”, was ja so ähnlich ist, dass es die korrekte Lesart sein könnte, wenn nicht sogar die lectio difficilior, und deshalb meinen viele Gelehrte, es sei damit Gersthofen bei Augsburg gemeint. Das MUSS auch gemeint sein, denn wie wäre sonst ausgerechnet der Gersthofener Gymnasiallehrer Robert Reisacher auf die Idee gekommen, sich zu verschiedenen Stätten zu begeben, an denen Caesar nachweislich wirkte, um archäologisch zu eruieren, wie die heute aussehen, und uns nun einen Vortrag darüber zu halten? Sein Schwabendorf als Ort einer der prominensten Caesar-Geschichten hat ihn halt einfach zu seiner nicht genug zu preisenden Aktion inspiriert! Gersthofen ist ja allein schon deshalb berühmt, weil es der Schauplatz von Geschichten in vier Meisterliedern des Hans Sachs ist. In einem davon z.B., verfasst am 20.2.1553 und zu singen in der Abenteuerweise des Hans Folz – das Incipit lautet: “Ain dorff ligt in dem Schwabenlant, / Gersthoffen so ist es genant” -, hilft ein Mönch, der gerade terminiert (Judith weiß, was das Verb hier bedeutet), einer Bäuerin und ihrer Magd bei der Suche nach einer Spinnwirtel und dabei verwechseln beide, als der Münch sich einmal mit seiner “kutten hoch aufgeschuerzt” bückt, seine dabei sichtbar werdenden Hoden (“des münichs glockelwerck”) mit zwei Spinnwirteln und verdächtigen ihn, mit denen fliehen zu wollen. Um die (vermeintlichen) Spinnwirteln wiederzuerhalten, kastrieren sie ihn mit einem “protmesser”, und weil er sich dabei in seiner Angst vor den Frauen nicht wehrt, bekommt er großzügigerweise zwei Stück Käse als Lohn für die sehr nette Bereitschaft zur “Rückgabe”. Fürwahr, in einem Dorf, wo so etwas passiert ist, der Erste zu sein, wäre doch wirklich eine lohnende Aufgabe! Robert Reisacher hat freilich keine Ambitionen, Schultheiß von Gersthofen zu werden; er begnügt sich in Augschburg, wo er zu wohnen vorzieht, weil er in Gerschthofen Verwechslungen wie die gerade berichtete fürchten muss, mit Rang 2. Nein, er wünscht sich lediglich ein interessiertes Publikum, und er hat sich freundlicherweise bereiterklärt, zusammen mit denjenigen, die gscheite Fragen in der anschließenden Diskussion stellen, eine von der PSMS organisierte und finanzierte Exkursion zu den von ihm bereits besichtigten Stätten zu unternehmen. Also auf zu dem gelehrten Robert, seinem Autopsiebericht und seinen Bildern sowie in Bälde mit ihm auf nach Alesia, Bibracte, Guersthoviae Sueborum, Avaricum usw.!!! Die Veranstalter des Abends, von denen einer so begeistert ist von der Identifizierung Gersthofens als des Schwabendorfes in der Caesar-Geschichte, dass er Robert moderieren wird, geloben auch, dass sie bei der Petronian Party KEINE altrömischen Spezialitäten (würg!), sondern das von Lavinia und Maria auch sonst Zubereitete servieren werden (schmatz!). Ist das nicht ein Wort? Und ist das Vortragsthema plus Exkursionsversprechen nicht verlockend?
Fragt, herzlich einladend,
Ihre/Eure PSMS

Vortrag am 24. Oktober 2018

Professor Thorsten Burkard (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel)
“Ein Blitz auf heiterem Himmel – ein (notwendiger) neuer Interpretationsvorschlag zu Horaz’ Bekehrungsode (Carmen 1.34)
Diskussionsleitung: StR Robert Reisacher (Gersthofen)
24.10.2018, 19:15 Uhr, Lyrikkabinett München
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der PSMS,
der Blitz, mit dem Thorsten Burkard bei uns einzuschlagen gedenkt, ist ein dreifacher: 1. ist es ein voll neihauendes Ereignis, dass er, einst an der LMU dozierend und dabei ein besonders beliebter Leiter von Stilübungskursen – Robert Reisacher, jetzt am Paul-Klee-Gymnasium in Gersthofen lehrend, saß auch drin und wird den Vortrag deshalb besonders gern moderieren -, nach all den Jahren wieder da ist (wobei er als Blitz freilich nicht direkt in das LMU-Hauptgebäude fährt, sondern umso effektvoller daneben); 2. geht es natürlich um den Blitz, den Horaz laut c. 1,34 am hellichten Tag gesehen haben will, und 3. ist es längst höchste Zeit, dass die für Lateinstudium und Lateinunterricht Verantwortlichen ihre Studenten bzw. Schüler wieder heftig dazu verdonnern, die Oden des Horaz zu lesen. Wenn man bedenkt, dass Nietzsche diese Gedichte zu dem künstlerisch Bedeutendsten erklärte (“vornehm par excellence”), was je geschrieben wurde, ja sie sogar, obwohl er als Gräzist gelehrt hatte, über die Poesie der Griechen stellte, und wenn man bedenkt, dass mitten im Zweiten Weltkrieg ein britischer Major und ein von ihm auf Kreta gefangengenommener deutscher General sich im Angesicht des Ida die Soracte-Ode gegenseitig aufsagten – wenn man dies und vieles andere bedenkt, ist es schon ein Ding, dass heute, wie Trimalchio aus sicherer Quelle weiß, ein Lateinschüler bzw. -student ein Abitur bzw. ein Staatsexamen bestehen kann, ohne  zu wissen, dass Horaz diese Gedichte in bestimmten lyrischen Versmaßen verfasst hat, geschweige denn auch nur eine Zeile von diesen Texten je gesehen zu haben.  Während einst in einem Reifezeugnis in der Spalte “besondere Bemerkungen” stehen konnte: “Besonders zu loben ist, dass er/sie sämtliche horazischen Metren beherrschte” (vidi oculis meis!), liest man da heute: “Besonders zu loben ist, dass seine/ihre Kompetenz besonders kompetent war.” Dabei sind doch die lyrischen Versmaße des Odendichters allein schon dadurch geadelt, dass sie den Melodien von Kirchenliedern zugrunde gelegt wurden! Wir könnten also alle miteinander die alkäischen Strophen von Thorsten Burkards Carmen 1,34 gleich nach seinem Vortrag und vor der Petronian Party mit Donnerschall nach der Weise von “Nun prei-set al-le Gottes Barm-her-zigkeit, lobt ihn mit Schal-le, werteste Chris-tenheit …” singen! Gewiss, Geflügeltes von Horaz wird gelegentlich noch zitiert, besonders “Carpe diem”, das durch “Der Club der toten Dichter” in der ganzen Welt bekannt wurde, oder – herrlich falsch (besonders häufig in englischsprachigen Texten): “Wir sind gerade medias in res”. Aber weiß noch jeder, wer hier zitiert wird? Robin Williams nennt Horaz in jenem Film nicht, und Werner Suerbaums verdienstliche Horaz-Ausstellung, in der diesen Bonmots extra eine Schautafel gewidmet war, liegt schon wieder ein Vierteljahrhundert zurück. Ja, Trimalchio ereifert sich in diesem Schreiben zur Abwechslung mal, weil er immer wieder am hellichten Tag von dem Blitz der plötzlichen Erkenntnis, dass die jüngere Generation mit Horazens Oden nicht mehr so recht etwas anfangen kann, so jäh getroffen wird, dass er dann ganz benommen ist. Und so ist denn zu wünschen, dass Thorsten Burkard in diese Misere heftig hineindonnern wird. Der Abend verspricht mithin wieder, ein fulminantes Ereignis zu bieten, und mit umso lauter donnernder Stimme lädt dazu ein
Ihre/Eure PSMS

Vortrag am 06. Juni 2018

Professor Dr. Gernot Müller (Universität Eichstätt): “Orte der Philosophie in Rom: Zu einer Topographie philosophischer Reflexion in lateinischer Sprache”)

Diskussionsleitung: Prof. Dr. Therese Fuhrer (LMU)

06. Juni 2018, 19:15 Uhr, Lyrikkabinett München

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der PSMS,

Als Gernot Müller Trimalchio mitteilte, er werde über Orte der Philosophie in Rom sprechen, war Trimalchio ganz überrascht, dass es dort welche gebe. Denn abgesehen vom Lehrstuhl Philodems von Gadara in Neapel kannte er bis dahin nur einen einzigen bedeutenden Sitz der Weisheit in Italien: sein eigenes Triclinium. Dort brachte er bekanntlich einmal sämtliche von Thales bis Boethius gewonnenen antiken Erkenntnisse über den Menschen als Maß aller Dinge so genial auf den Punkt, dass es künftig eigentlich keiner weiteren Philosophie mehr bedurfte; wir meinen seinen im Angesicht des beweglichen silbernen Skeletts gesprochenen Dreizeiler: “Ach wir Elenden, wie doch das ganze Menschelein nichts is(s)t / So sein werden wir alle, nachdem uns der Orkus tät weghol’n. / Drum lasst uns leben, solang möglich gut esse noch ist.” Epikurs Atome sollen sich, als sie das lasen, vor lauter Neid wieder zum Epikur zusammengesetzt haben, und Seneca im Hades bereute, ut aiunt, seinen übereilten Selbstmord, weil ihm klar war, dass, wenn er statt seiner unendlich vielen, z.T. überlangen Epistulae morales eine solche kosmische Weisheit in drei Versen von sich gegeben hätte, Nero ihn nicht nur gleich wieder zu seinem Reichskanzler gemacht, sondern ihm sogar den Prinzipat übergeben und selbst Selbstmord begangen hätte. Doch Gernot Müller, der schon einmal bei uns vortrug – wie seine Diskussionsleiterin Therese Fuhrer, die damals von Werner Suerbaum moderiert wurde -, wird uns jetzt vielleicht zeigen, dass es in Rom Zentren des Philosophierens gab, an denen die sapientia Trimalchionis noch überboten wurde (falls das möglich ist; wir werden Gernot in der Diskussion nach dem  Cambridger Motto “we want blood on the floor” hart hernehmen). Es kann ja z.B. sein, dass an einem der Orte des Philosophierens auch Phaedrus Schüler um sich sammelte, und nicht etwa solche der Jahrgangsstufe 8 bei der Übergangslektüre, sondern Philosophiestudenten der Exzellenz-Uni Roms. “Der?” Ja, der Fabeldichter. Wie neuere Untersuchungen ergaben, ist sein Name offensichtlich ein Pseudonym, den er sich von dem Phaidros Platons holte, und das mit Blick darauf, dass er in lateinischer Sprache tun würde, was Phaidros’ Gesprächspartner Sokrates laut dem Phaidon im Gefängnis auf Griechisch tat: äsopische Fabeln in Verse umgießen. Nehmen wir z.B. in den Fabeln des Phaedrus das Epimythium zu der Geschichte vom Glatzkopf (5,6). Dieser sieht, dass ein anderer Glatzkopf einen Glücksfund gemacht haben muss, und will an dessen Glück teilhaben. Dann aber muss er erkennen, dass es sich um einen Kamm handelt, und das Epimythium lautet: “Wen seine Hoffnung trog, dem steht das Klagen an.” Ist dieser jambische Senar nicht NOCH philosophischer als Trimalchios hexametrisch/pentametrischer Dreizeiler? Nun, warten wir voll Spannung ab, welche philosophi RomaniGernot Müller in den Denkerbuden der ewigen Stadt aufspüren wird. Und da Stumpf/Oberlinner Catering Ltd. wieder üppig zu Tisch bittet – hier wird Trimalchio auf jeden Fall total getoppt -, verspricht auch der 201. Vortrag mit Sicherheit ein Vortragsabend zu werden, an dem teilzunehmen sich unbedingt lohnt.

Weiß jetzt schon

Ihre/Eure PSMS

Vortrag am 16. Mai 2018

Otto Ritter, MA (Universität Erfurt)
“Komödien, Kaninchen, kurulische Ädile: Zum “Beginn” der lateinischen Literatur”
Diskussionsleitung: Julian Zwirglmaier (Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus”
16. Mai 2018, 19:15 Uhr, Lyrikkabinett München
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der PSMS,

diese Einladung zu einem PSMS-Vortrag am 16.5.2018, ist, weil es sich um den 200. Trimalchio-Abend nach dem ersten am 15.5.1991 handelt, dem ältesten und herzlichsten Freund der PSMS gewidmet, Werner Suerbaum – allein schon deswegen, weil er auf die Einladungen stets sehr ausführlich reagiert und meist die dort entwickelten trimalchionisch-satirischen Überlegungen geistreich und höchst amüsant weiterspinnt. Speziell für ihn wurde auch Otto Ritters Vortrag über die Anfänge der lateinischen Literatur gewählt, da er mit seiner Jahrhundertleistung, der Herausgabe von Band 1 des Handbuchs der lateinischen Literatur, eben dieses Feld wegweisend beackerte. Ebenso gezielt entschieden wir uns für Julian Zwirglmaier vom Kultusministerium als Diskussionsleiter, weil Werner Suerbaum einst das Weltwunder gelang, diese Institution zur Aufnahme einer (höchst sinnvollen!) Interpretationsklausur unter die Staatsexamensklausuren in Latein und Griechisch zu bewegen. Die beide Erkorenen gehören überdies zur jüngsten Riege der Vortragenden und Diskussionsleiter, sowohl weil Werner Suerbaum nicht zuletzt in seinem Witz und in seiner Aufgeschlossenheit für alles und jedes ebenfalls ausgesprochen jung ist, als auch weil es weitergehen soll mit der PSMS, was halt die Jungen leisten müssten.

Eine besondere Vorliebe hat Werner Suerbaum für Statistiken, und deshalb bekommt er als zusätzliche Gabe eine solche, die von den 200 Vorträgen ausgeht:

1. Außer aus Deutschland kamen Vortragende aus 12 Ländern, 19 aus den USA, 17 aus Großbritannien, 11 aus den Niederlanden, 9 aus Österreich, je 5 aus Italien und der Schweiz, 3 aus Frankreich, 2 aus Griechenland und je eine/r aus Belgien, Kanada, Norwegen und Slowenien; Deutschland war mit 10 Bundesländern vertreten; nur 10 Vortragende gehörten zum Lehrkörper der LMU. Fast alle Vortragende waren Altertumswissenschaftler, es sprachen aber auch 1 Anglist, 5 Germanisten 2 Romanisten und je ein Historiker, ein Indogermanist und ein Theologe. 4x traten zwei Vortragende zusammen auf und moderierten sich gegenseitig (Kofler/Korenjak, Montiglio/Schmeling, Föllinger/Müller, Friepes/Neu).

2. Spitzenreiter unter den Vortragenden ist Kai Brodersen mit 6x; es folgen Michael Hotz und Werner von Koppenfels mit je 4x, Roy Gibson, Andreas Heil, Karlheinz Töchterle und Peter von Möllendorff mit je 3x und weitere 13 nette ZeitgenossInnen, darunter Werner Suerbaum, mit je 2x.

3. Natürlich waren die meisten Diskussionsleiter aus München, aber immerhin 25 kamen von auswärts, darunter 7 aus Österreich, 4 aus den USA, 2 aus Canada und einer aus Slowenien. Am häufigsten moderierte Stefan Merkle, nämlich 15x, dann folgen Sven Lorenz mit 9x, Regina Höschele und Margot Neger mit je 7x, Maria Oberlinner mit 6x, Claudia Wiener mit 5x, Michael Hotz, Markus Janka und Werner von Koppenfels mit je 4x sowie Susanne Gödde, Martin Hose, Katharina Luchner und Stephanie Seibold mit je 3x; weitere 17 nette ZeitgenossInnen, darunter Werner Suerbaum, moderierten je 2x. Der jüngste Diskussionsleiter war Maximilian Maier, damals Abiturient am Wittelsbachergymnasium, jetzt Moderator beim Bayerischen Rundfunk (“früh krümmt sich …”), und besonders hervorgehoben sei Matthias Ludolph, weil er einen englischen Vortrag auf Lateinisch moderierte, sowie Heike Tiefenbacher, weil sie sich als Studienreferendarin im 1. Halbjahr den österreichischen Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle vorzustellen und für ihn die Diskussion zu leiten getraute. Last not least: 4x war ein Ehepartner Moderator des anderen (Montiglio/Schmeling, Höschele/Bing and viceversa, Napoli/Zogg), 1x wurde der Vortragende von seinen 2 Söhnen moderiert (Michael Hotz von Benedikt und Max Hotz).

4. Themen

4.1. Unter den Gattungen, soweit sie speziell thematisiert waren, dominiert naheliegenderweise der antike Roman mit 36x, davon nur 10x Petron; es folgen 9x Epigramm, 8x Fabel, 5x Epos, 4x Tragödie, je 3x Komödie und Satire, 2x Epistolographie, 1x Mimus.

4.2. Bei den Autoren (+ Rezeption) außer den Romanciers führt Ovid mit 19x, unmittelbar gefolgt von Vergil + Ps.-Vergil mit 10x, Horaz mit 8x, Martial mit 7x, Homer mit 5x, Properz mit 4x und Catull mit 3x; weitere Autoren seien einfach aufgezählt: Apollonios von Rhodos, Apuleius, Apologie (2x), Aristophanes, Aristoteles, Augustin, Caesar (2x), Cicero (3x), Curtius Rufus, Epiktet, Euripides, (Ps.)Hesiod, Juvenal (2x), Kallimachos, Livius, Luxorius, Phaedrus (2x), Platon (2x), Plinius d.J. (2x), Rufin der Epigrammatiker, Seneca (2x), Silius Italicus, Sophokles, Statius (2x), Sueton, (Ps.)Tibull, Silius Italicus, Statius (2x); außerdem ging es 1x um “Poetae minores”, 6x um spätantike sowie 7x um mittel- und neulateinische Autoren.

4.3. Weitere Themen waren bestimmte literarische Motive, die augusteische Literaturepoche als Ganzes, Verschiedenes aus dem Bereich der Alten Geschichte, Archäologie, Religion (vertreten durch die 3 internationalen Stars Bremmer, Dowden und Rüpke), Sprachwissenschaft, Metrik und Geschichte der Klassischen Philologie.

4.4. Spezifisch fachdidaktisch waren 8 Vorträge, größtenteils aus den letzten Jahren.

4.5. 4 literarische Lesungen fanden statt (Christoph Bauer, Volker Ebersbach, Rafael Seligmann, Michael Zeller);

4.6. 1 Einführung in ein musikalisches Werk gab es (Alexander Krals Rockoper “Lysistrate”).

4.7. Zu bildender Kunst mit antiker Thematik hörten wir 6 Vorträge, darunter Werner Suerbaum über Vergil-Illustrationen.

4.8. 2 Verlage wurden durch Lektorinnen vorgestellt (De Gruyter, Reclam).

5. Partyhelfer: Seit Regina Höschele im SS 2002 das karge Brezel/Biertragerl-Angebot der vorausgegangenen Jahre richtungsweisend  in ein veritables kaltes Büffett auf trimalchionischem Niveau umgestaltete, haben Generationen von Caterers jedesmal für die perfekte Ausrichtung eines solchen gesorgt; regelrecht professionalisiert wurde die Präparation der Petronian Party in allerjüngster Zeit durch das Stumpf/Oberlinner-Team.

6. Alle 200 Vortragsabende wurden ausschließlich durch Spenden finanziert, zu denen der Verzicht der meisten Vortragenden auf Honorar und Spesen zählt. Als besonders großzügige Mäzene sind Karl Bayer (+), Wilhelm Blum, Regina Höschele, Eckart Kreuzer, Margot Neger, Isolde und Georg Oberlinner sowie Hans Schober (+) zu preisen. Ihnen und den Vortragenden gilt unser Dank ebenso wie den zahllosen Anonymi, die in all den Jahren etwas ins Körbchen legten.

Ihre/Eure PSMS,

die zum 200. Vortrag wieder sehr herzlich einlädt.

Vortrag am 19. April 2018

OStD Michael Hotz (Wilhelmsgymnasium München)
“Frühlingsgefühle – oder: wie entschlüssele ich mit lateinischen Texten die Primavera Botticcellis?”
Diskussionsleitung: Benedikt Hotz und Max Hotz (München)
19.04.2018, 19:15 Uhr, Lyrikkabinett
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Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der PSMS,

grata vice veris et Favoni wird Michael Hotz (der als Münchner weiß, dass Föhn von Favonius kommt) passenderweise den Diskussionsleiter-Hut, den er beim letzten Semesterabschiedsvortrag trug, gegen den des Vortragenden eintauschen, ja sogar in Begleitung kommen – zwar nicht der Grazien (z.B. Margot aus Graz, eine der drei, ist eh nach Salzburg ausgewandert), aber eskortiert von seinen ebenso netten Söhnen Benedikt und Max; sie erscheinen deshalb beide, weil sie seine großartige Möllivorstellungsshow vom 6.2.18 nur zu zweit überbieten zu können glauben. Es ist das vierte Mal, dass der bilderkundige Michael bei uns ikonologisch spricht, und da liegt er ja auch ganz im Trend des Lateinunterrichts: Keines der vielen neuen Lehrbüchern, die um die Wette das KuMi nerven, hat nicht auf jeder Seite mindestens zwei klatschbunte Illustrationen, die kompetent von der öden Grammatik der Übungsstücke in lichtere Gefilde des Geistes führen. Wie arm war doch Trimalchio dran, als er, noch blutjung und verlockend gelockt (29,3), aus Kleinasien Romam gebracht ward und Latein lernte! In seinem Übungsbuch der 5. (damals noch 1.) Klasse aus der Feder des finsteren Raimund Pfister gab’s auf bräunlich-billigem Papier koa oanzigs Buidl, und die amerikanische Militärregierung hatte es trotzdem genehmigt! Stattdessen waren da ewig lange Übungsstücke mit ins Lateinische zu übersetzenden Sätzen, während das Verdeutschen lateinischer Sätze kaum eine Rolle spielte, weil die Fähigkeit dazu ganz selbstverständlich vorausgesetzt wurde. Gut, die Schüler malten, von sich aus kreativ, ihre Bilder damals selbst in die Lateinbücher; Trimalchio erinnert sich, dass sein Banknachbar sogar Buntstifte dabei benutzte und mittelalterliche Marginalillumination überbot. Immerhin hatte es der Lateinlehrer wenigstens mit Farben. Denn zu seinen didaktischen Finessen gehörte es, dass er am Nachmittag vor der Stunde des nächsten Tages, in der er einen neuen Grammatikparagraphen einbimsen würde, sich in die Schule schlich, Beispielsätze an die anschließend von ihm zuzuklappende Tafel schrieb und dabei die Besonderheiten, vor allem die Endungen, mit verschiedenen Kreiden kolorierte. Trimalchio erinnert sich an den genialen Streich, den er und ein paar Freunde, darunter natürlich Steinmetz-to-be Habinnas, dem Lehrer spielten, als er einmal ein Gemälde der verschränkten Relativsätze fabriziert hatte und dann heimgegangen war. Da schlichen sich diese Lausebengel in das Klasszimmer und veränderten die farbigen Stellen so, das alles total falsch wurde. Als der Lehrer dann am nächsten Morgen die Tafel aufklappte, konnte er die Bescherung gar nicht gleich erfassen, weil just sein Oberstudiendirektor, halt der von Trimalchios Humanistischem Gymnasium, der NATÜRLICH auch Altphilologe war, zur Visititation kam und total entsetzt war, dass sein strengster und kompetentester Mann, der für jedes von den acht cum, das einer nicht konnte, hundhammerisch lizensiert eine Riesnwatschn zu applizieren pflegte – Trimalchio schaffte einmal nur sieben, weil er wenigstens das cum vere (“im Frühling”) temporale herbrachte -, bezüglich der Endungen in Relativsätzen offenbar nicht kompetent war. Da diesem OStD die sprichwörtliche Nettigkeit des späteren OStD Michael Hotz fehlte (er war auch kein Bayern-Fan, nicht einmal das!), hätte er am liebsten getobt, aber er wahrte die Form, sagte nur “Bringens des bittschön in Ordnung, Herr Kollege”, und rannte raus. Tja, hätte jener Lateinlehrer mit Bildern oder leichtfasslichen Metaphern gearbeitet – wie erklärt man z.B. Abiturienten, dass amo den Themavokal verschluckt, moneo und audio dagegen nicht? Man sagt ihnen, amo finde ihn appetitlich, moneo dagegen ekelig und audioigitt! -, hätten Trimalchio und seine Freunde ihm diesen Streich nicht so leicht spielen können. Also, Michael Hotzens Vortrag wird nicht nur höchst interessant, sondern auch der modernsten Pädagogik verpflichtet sein, und deshalb lädt zu dem Abend wieder sehr herzlich ein

Ihre/Eure PSMS

Vortrag am 6. Februar 2018

Prof. Dr. Peter von Möllendorff (Justus-Liebig-Universität Gießen)

“Audite, sodales – ἀκούετε λεῴ! Vom Nutzen historisierender Aussprache im LAtein- und Griechischunterricht

Diskussionsleitung: OStD Michael Hotz (Wilhelmsgymnasium München)

Dienstag, 06.02.2018, 19:15 Uhr, Lyrikkabinett München

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der PSMS,

ein Distichon, das für Trimalchio (obwohl er ja selbst ein hochbegabter Verfasser solcher Zweizeiler ist, indem er sie zu Dreizeilern verschönert) eines der geistreichsten, witzigsten und kunstvollsten der gesamten Latinität ist, lautet: ipse mihi videor iam dedidicisse Latine: / iam didici Getice Sarmaticeque loqui. Ovid demonstriert hier, sich selber dekonstruierend, seine “Sprachnot” im Exil (Trist. 5,12,57f.), indem er u.a. ein Phänomen wie die Reduplikation fast so komisch verfremdet wie Monty Python Latein insgesamt durch “Romanes eunt domus”. Man nimmt allgemein an, mit den auffällig vielen “i” und dem durch die Reduplikation (+ einmal Präposition) bewirkten “Stottereffekt” parodiere der Dichter die von ihm genannten Schwarzmeersprachen. Aber in Tomi als einer ehemals hellenischen Kolonie wurde doch wohl primär Graece gesprochen. Könnte es also sein, dass Ovid sich über die itazistische Aussprache lustig macht, die ihm von seiner Lektüre klassischer Texte her vielleicht fremd vorkam, zu der aber das “Volk” zu seiner Zeit wohl schon übergegangen war? Auf jeden Fall dürfte das “Volk” spätestens dann so geredet haben, als Petron lebte (nach neueren Erkenntnissen eher im 2. als im 1. Jh.), und deshalb macht Trimalchio sich manchmal den Spaß, Griechen in Neapel und Umgebung z.B. aus der Odyssee in historisierender Aussprache vorzulesen und sich dann einen Ast zu lachen, wenn sie kein Wort verstehen, obwohl sie das Werk durchaus kennen. Allerdings ist er sich bei manchen Vokalen und Konsonanten nicht hundertprozentig sicher, und deshalb freut er sich ungemein, dass Peter von Moellendorff ihm und Ihnen/Euch jetzt nicht nur sagen wird, wie Altgriechisch einst wirklich klang, sondern auch die Aussprache Caesars und Ciceros endlich wahrhaft korrekt darbieten wird. Aber wie weiß denn der Peter, wie die redeten? Die antiken Tondokumente sind doch alle verlorengegangen! Tja, zunächst einmal hat der Peter im Gegensatz zu 95% der Vertreter unserer Zunft beherzigt, was der weise Christoph Martin Wieland einst sprach: “Wie ein Leser von offnem und gesundem Kopf die Bekanntschaft Lucians aus seinen Werken machen könnte, ohne ihn lieb zu gewinnen, das wäre mir in der Tat unbegreiflich.” Während man von etwa 1900 bis in jüngere Zeit von Lukian (obwohl er in der frühen Neuzeit ungemein wirkungsmächtig war) vor allem in Deutschland gar nichts hielt – 1907 nannte z.B. der Gräzist Johannes Geffcken ihn einen “ekelhaften Semiten”, und im Band “Griechische Literatur” innerhalb des “Neuen Handbuchs der Literaturwissenschaft” von 1981 ist er nur dreimal kurz erwähnt, davon einmal im Register -, hat der Peter mehrfach über ihn publiziert, zuletzt eine zusammen mit Manuel Baumbach verfasste einführende Monographie, die so großartig ist, dass jeder sie einfach lesen MUSS. Ja, und dafür hat Lukian sich persönlich bei ihm bedankt: Er schickte ihm eine seiner faszinierendsten Gestalten, den Ikaromenipp, in sein Büro an der Gießener Uni, und der breitete seine Flügel aus und trug den Peter erst in das alte Athen und dann in das alte Rom, und da konnte der Peter mit seinem komfortablen Smartphone Aufnahmen von native speakers machen, sie auswerten und darauf nun seinen Vortrag stützen. Toll, nicht? Wie immer haben Schulmänner schneller als Uni-Leute den richtigen Riecher für Gelegenheiten, Antike mit Händen zu greifen und so leichter vermittelbar zu machen. Und deshalb wird Michael Hotz, der Chef eines der ganz wenigen Gymnasien auf der ganzen Welt, an denen Griechisch Pflichtfach ist (und nicht alternativ Französisch gewählt werden kann, was man ja, wie Trimalchio senior, bevor er seinen Sohn aufs Humanistische schickte, zu ihm sagte, auch im Bordell lernen kann), die Diskussionsleitung übernehmen. Wir haben also wieder ein hervorragendes Team, ergänzt durch Oberlinner & Stumpf Catering Services Ltd., und deshalb empfiehlt wieder zahlreiches Erscheinen

Ihre/Eure

PSMS

Vortrag am 10. Januar 2018

Prof. Dr Andreas Patzer (LMU München)
“Aöde und Rhapsode: Die Vermittlung der epischen Poesie bei den Griechen”
Diskussionsleitung: Prof. Dr. Werner Suerbaum (LMU München)
10.01.2018, 19:15 Uhr, Lyrikkabinett München
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der PSMS,

als Trimalchio vor vielen Jahren zum ersten Mal das damalige Institut für Klassische Philologie der LMU München besuchte, war er ähnlich wie Gian Biagio Conte etwa 20 Jahre zuvor  – der kam auch aus Italien – total verblüfft: Conte, den der Ruhm Friedrich Klingners angezogen hatte, fand den Professor beim Halten der Vorlesung im – er fiel vor Staunen fast auf den Rücken – überfüllten AudiMax! Trimalchio war aber noch verblüffter, als er irgendwann in den frühen 80ern auf einen Professor stieß, der ganz und gar unaltphilologisch aussah: Er hatte einen Hut wie Humphrey Bogart auf dem Kopf und einen Zigarillo im Mund, trug eine fegerte Lederjacke, ließ aus dem Hemd ohne Schlips seinen Naturpullover hervorquellen und bewegte sich auf schneidigen Stiefeln. Vorsichtig fragte Trimalchio einen Studenten, wer denn das sei, worauf er zur Antwort erhielt, das sei Andreas Patzer, der etwas so Trockenes wie lateinische Stilübungen dermaßen mitreißend und unterhaltsam veranstalte, dass man daran unbedingt teilnehmen müsse, ob man das brauche oder nicht. Als Trimalchio sich dem Mann dann vorstellte, wurde ihm noch etwas Besseres zuteil als Patzers legendärer Oberkurs: die Einladung zu einer Cena, die seine eigene Cena um Vieles überbot; allein schon der Fisch, der bei einem der mindestens sieben Gänge serviert wurde, schmeckte besser als alles, was Trimalchios Sklaven bisher aus dem Golf von Neapel geangelt hatten. Und der Professor mit dem Hut konnte auch ganz wunderbar erzählen, z.B. davon, wie in seiner höchst geschmackvoll und intellektuell zugleich eingerichteten Wohnung immer wieder mal Filme gedreht worden seien, z.B. mit Götz George als Schimmi ein Tatort oder mit Schlagerstar Nena (“99 Luftballons”) der unvergessliche Streifen “Gib Gas – ich will Spaß!”, in dem Nena mit Lorenz Patzers, des Sohnes, dickem Filzstift an des Vaters Fernsehbildschirm als Botschaft an ihre Film-Eltern schrieb: “Ich hab die Schnauze voll! Ich hau ab!” Was Trimalchio auch sehr gut gefiel an dem Abend, war, dass da noch ein anderer Professor speiste und zechte, der gewissermaßen Patzers Antipoden verkörperte, indem er immer mal das, was der jüngere Freund so an Gedanken über dies und das äußerte, ebenso feinsinnig in der Überlegung wie westfälisch-knorrig in der Sprechweise gezielt in Frage stellte, weil er einfach den Widerspruch liebt – auch gegen das, was er selber sagt. Trimalchio dachte, dass, wenn es mehr Vertreter der Fächer Griechisch und Latein gäbe, die wie Patzer und Suerbaum so ganz anders sind als die vielen, vielen schwer erträglichen Langweiler, die dem Fach ständig weit, weit mehr schaden als dessen “fortschrittliche”, kompetenzbewusste Gegner, es doch eigentlich kräftigst blühen müsste. Nun, für München galt das auch damals, aber die beiden genannten Professoren stehen schon länger nicht mehr hinterm Pult und der Jüngere kurz vor seinem 75. Geburtstag, den er, wie wir ihm alle wünschen, am 1. Januar 2018 mit einer noch opulenteren Cena feiern soll, als Trimalchio sie sich in seinen kühnsten Träumen ausmalen kann. Ja, und nicht lange danach, am 10. Januar, lädt er auch Sie und Euch und uns zur Petronian Cena ein. Erst hält er selbst einen Vortrag, mit dem er, wie es gut zum Anlass passt, auf die Frühzeit der griechischen Literatur zurückblickt, und danach wird Werner Suerbaum, der ihn vor dem Vortrag dem Auditorium vorstellt, die Diskussion leiten und dabei Patzer heftig widersprechen. Es soll ja mal irgendein Interviewer in irgendeinem Kontext zu Suerbaum gesagt haben: “Sie sind doch der bekannte Professor, der stets widerspricht?!”, worauf er geantwortet habe: “Nein, der bin ich nicht.”  Also, wer die beiden Legenden wiedersehen bzw. sie kennenlernen möchte, möge unbedingt kommen. Es ist ja überdies denkbar, dass, wie im Frühjahr 2016, als es andersherum war – Suerbaum sprach und Patzer moderierte -, im Saal eine ähnliche Atmosphäre herrscht wie bei einem Treffen anlässlich eines Abiturjubiläums.

So etwas wünscht sich jedenfalls für den 10.1.2018,

herzlich dazu einladend,

Ihre/Eure PSMS,

die allen erholsame Feiertage und ein gesundes neues Jahr wünscht.

Vortrag am 20. Dezember 2017

Reclam_WandMelanie Kattanek, M.A. (Verlag Philipp Reclam, Stuttgart)
“Vergil, Herodot und Marc Aurel – Must-haves im Bücherregal? Griechisch, Latein und ihre Chancen auf dem Buchmarkt”
Diskussionsleitung: Sandra Hartl, M.A. (Bamberg)
 20.12.2017, 19:15 Uhr, Lyrikkabinett München

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der PSMS,

man kann immer wieder rätseln, was Trimalchio meint, wenn er in Kapitel 48,4 der Satyrica sagt: “Drei Bibliotheken habe ich, und die eine davon ist eine griechische, eine andere eine lateinische” (III bybliothecas habeo, unam Graecam, alteram Latinam). Da er “drei” sagt, aber nur zwei nennt, haben pedantische und humorlose Altphilologen, die es ja immer besser wissen als die antiken Autoren und ihre Abschreiber, die eindeutig überlieferte Zahl “III” in “II” “verbessert”. Doch wie sagte der kluge Oxforder Professor Robin Nisbet einmal über Ovid? “I would not dare emend him: he is too clever!” Genau das gilt auch für Petron und erst recht für Trimalchio. Aber warum nennt er die dritte Bibliothek nicht? Das ist doch klar: Es ist DIE Bibliothek der Bibliotheken, die er ganz selbstverständlich besitzt, und natürlich vollständig: Reclams Universal-Bibliothek. 1867 – wir haben also ein 150-Jahre-Jubiläum! – mit “Faust I” und “Faust II” als den Nummern 1 und 2 zum Preis von je zwei Silbergroschen erstmals am Verlagsort Leipzig vor die Öffentlichkeit getreten, wuchs und wuchs die bald weltberühmte Buchreihe permanent so mächtig an, dass sie knapp 100 Jahre später während einer Leipziger Bombennacht mit den vielen, vielen, vielen Heftchen ein besonders eindrucksvolles Flammeninferno darbot. Sie wurde dann 1947 in RUB-Ost in Leipzig und RUB-West in Stuttgart zerlegt, ist aber seit der Wende wieder vereint und beschäftigt seit einiger Zeit als charmante und höchst effiziente Lektorin für den Bereich der griechischen und lateinischen Literatur Melanie Kattanek, unsere Vortragende des 20.12. huius anni. Sie wird über das Produzieren von Bilinguen und Übersetzungen der uns interessierenden Texte berichten, speziell über die damit verbundenen Freuden und Leiden. Leiden? Probleme? Können die mit der Produktion von Heftchen verbunden sein, die in der dünnsten Form zwar nicht mehr zwei Silbergroschen, aber immer noch nur drei bis vier Euro kosten? Ja, die gibt es. Denn die Studierenden, die bekanntlich arm sind wie Kirchenmäuse und sich deshalb tragischerweise nur das teuerste Smartphone, nicht aber das allerteuerste leisten können, pflegen in altphilologischen Seminarübungen Xerokopien der Reclam-Seiten vor sich liegen zu haben, die den gerade benötigten Textausschnitt enthalten (weshalb die bemitleidenswerten Unterprivilegierten auch an der Uni nie erfahren, was ihnen schon am Gymnasium, wo sie noch ärmer waren, entging: dass diese Textabschnitte Teile größerer Werke sind, die man sogar ganz lesen kann, weil RUB sie in den Heftchen bequem zur Verfügung stellt!!!). Also droht Reclam auf vielen, vielen, vielen Heftchen sitzen zu bleiben, was fast noch schlimmer ist als ein Flammeninferno. Man ist natürlich vorsichtiger geworden, besonders mit griechischen Texten, weswegen es bald wieder wie im Mittelalter heißen wird: “Sunt Graeca: non leguntur”, was auf Englisch heißt: “It’s Greek: that’s Greek to me.” Aber Latein? Kann Reclam es z.B. wagen, Texte, wie sie zur Zeit die verdientstvolle Erfurter Translatzensfabrik Kai Brodersen non-Ltd. am Fließband produziert, z.B. das “Heilkräuterbuch” des Apuleius  oder “Der gute Arzt” von Scribonius Largus oder “Plinius’ Kleine Reiseapotheke”, ebenfalls und halt billiger herauszubringen? Auf diese und andere Fragen, die alle um die Zukunft der Beschäftigung mit den Alten Sprachen Besorgten interessieren dürften, wird Melanie antworten, moderiert von Sandra Hartl aus Bamberg, die nicht nur Altphilologin, sondern auch Spezialistin für John Ronald Reuel Tolkien ist, ja zur Zeit sogar über die Antikerezeption in seinem Opus promoviert. Da Reclam bisher lediglich “Farmer Giles of Ham” verlegt hat, aber noch nicht das Hauptwerk, den “Lord of the Rings”, wird Melanie sicher auch die Frage beantworten können, ob die Universal-Bibliothek nicht künftig lieber Werke wie dieses anstelle von Vergil, Herodot und Marc Aurel auf den Markt bringen und gleich die ganzen Kostüme für die Fans mitliefern sollte. Also, der Abend verspricht wieder interessant zu werden, und da er überdies wie jedes Jahr Ende Dezember mit Trimalchios Weihnachtsfeier, also mit Glühwein und Blatzerln (präsentiert von der bekannten Weihnachtsbäckerei Oberlinner & Stumpf), verbunden sein wird, lädt ganz besonders feierlich dazu ein

Ihre/Eure PSMS

Vortrag am 15. November 2017

Unknown-1Dr. Kai Rupprecht (Referatsleiter Kultus in der Hessischen Landesvertretung Berlin)

“Von Göttern, Blitzen und Wassersucht: Die philosophischen Sprachspiele der Horazoden als Primärquelle epikureischer Lebensweisheit im Lateinunterricht der Oberstufe”

Diskussionsleitung: Dr. Sven Lorenz (München)

Mittwoch, 15.11.2017, 19:15 Uhr, Lyrikkabinett München

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der PSMS,

Trimalchio gelingt es immer wieder, mindestens zwei Gäste an seine Tafel zu bringen, die beide etwas machen, was sonst keiner macht. Am 15.11.17 werden es als Vortragender Kai Rupprecht und Sven Lorenz sein, die verbindet, dass sie sich wissenschaftlich mit einem nahezu unbekannten lateinischen Text auseinandergesetzt haben: mit den in der Appendix Vergiliana überlieferten Dirae. Die liest vel duo vel nemo, und schon gar nicht der Vergil-Spezialist Werner Suerbaum, weil ihm nun einmal nichts über die Aeneis geht, und darum sei hier kurz ein summary … halt, nein, diesmal ein sommaire gegeben, weil das ewige Englisch, das heute alles gnadenlos überwuchert, Trimalchio total auf die Nerven geht und er sich deshalb ein sommaire von einem Freund besorgt hat, der für ein Dictionnaire de l’epigramme antique einen Artikel über die Appendix Vergiliana verfasst hat, den aber nie gedruckt sehen wird, weil die meisten Beiträger, darunter auch Mitglieder der PSMS, ihre Artikel nie abliefern werden – also hier: ‘Dans les 183 hexamètres des Dirae (“Malèdictions”), “Virgile” maudit le domaine rural qu’il a perdu suite à sa confiscation et, à partir du vers 104 il déplore la perte de sa Lydie bien-aimée avant de quitter la terre de sa patrie.” Klingt das nicht viel schöner als “Brex-Brex-Brekekex”? Das findet sicher nicht nur unsere Patronin Sonja Hausmann-Stumpf! Doch zurück zu Kai und Sven! Es ist nämlich auch höchst stimmig, dass Kai vorträgt und Sven moderiert, weil Kai eine Dissertation über die Dirae verfasste, Sven dagegen (nur) einen Aufsatz. Und dass Kai in Berlin tätig ist, Sven aus Berlin kommt. Eines Tages – das dürfte 20-25 Jahre zurückliegen – entdeckte Sven nämlich vor der Humboldt-Uni in einer Bücherwühlkiste ein kleines weiß-blaues Büchlein über Martial, und das inspirierte ihn dazu, weiß-blau über Martial zu promovieren, halt in Minga. So entstand die erste wirklich bedeutende wissenschaftliche Monographie über den Epigrammatiker, die in ihrer Bedeutung bis heute nicht übertroffen ist. Kai wiederum hat eine solche Ehrfurcht vor Sven als einem Dirae– und Martial-Forscher, dass er sich entschloss, weder das eine noch das andere Thema zu behandeln, sondern über Epikureisches in den Horazoden zu sprechen und dabei Möglichkeiten der gymnasialen Lektüre zu berücksichtigen. Als Trimalchio, der in ständigen Kontakt mit Werner Scheibmayr steht und ihn oft zu den Freigelassenengesprächen dazu holt, Kai zu bedenken gab, diese Texte seien nicht im weiß-blauen Lehrplan vorgesehen, voraussichtlich auch nicht in dem neuen für G 9, meinte Kai, er werde so überzeugend dafür werben, dass bald sogar mit der Einführung von G 10 zu rechnen sei – dies sicher noch vor der schon im Herbst 2018 anstehenden Wahl -, und da werde dann genügend Unterrichtszeit sogar für Spitzen-Weltliteratur wie die Oden zur Verfügung sein. Ja prima, dann kriegen auch alle Lateinlehrer, die sich nach der Referendarzeit unbeschäftigt sahen, eine Planstelle! Gibt es also einen besseren Anlass, in Scharen zu Kais Vortrag zu kommen und von dem Unterrichtsstoff zu hören, der zur Lösung aller Probleme verhelfen wird? Am End sagt Kai uns sogar, welche Kompetenzen man mit den philosophischen Sprachspielen der Horazoden vermitteln und wie man sie binnendifferenziert vermitteln kann, z.B. anhand eines fachdidaktisch so vielfach auswertbaren, weil tiefgründigen Verses wie Nunc est bibendum! Gewiss, Sven, der inzwischen so weiß-blau geworden ist, dass er nicht einmal mehr “Jümnasjum” sagt, geschweige denn etwas noch “knorke” findet, muss das lokalorientiert kontrollieren, aber das ist ja auch die Aufgabe eines weiß-blauen Diskussionsleiters. Also, es wird sich wieder unbedingt lohnen, zu uns zu kommen!

Garantiert

Ihre/Eure PSMS