Vortrag am 20. Dezember 2017

Reclam_WandMelanie Kattanek, M.A. (Verlag Philipp Reclam, Stuttgart)
“Vergil, Herodot und Marc Aurel – Must-haves im Bücherregal? Griechisch, Latein und ihre Chancen auf dem Buchmarkt”
Diskussionsleitung: Sandra Hartl, M.A. (Bamberg)
 20.12.2017, 19:15 Uhr, Lyrikkabinett München

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der PSMS,

man kann immer wieder rätseln, was Trimalchio meint, wenn er in Kapitel 48,4 der Satyrica sagt: “Drei Bibliotheken habe ich, und die eine davon ist eine griechische, eine andere eine lateinische” (III bybliothecas habeo, unam Graecam, alteram Latinam). Da er “drei” sagt, aber nur zwei nennt, haben pedantische und humorlose Altphilologen, die es ja immer besser wissen als die antiken Autoren und ihre Abschreiber, die eindeutig überlieferte Zahl “III” in “II” “verbessert”. Doch wie sagte der kluge Oxforder Professor Robin Nisbet einmal über Ovid? “I would not dare emend him: he is too clever!” Genau das gilt auch für Petron und erst recht für Trimalchio. Aber warum nennt er die dritte Bibliothek nicht? Das ist doch klar: Es ist DIE Bibliothek der Bibliotheken, die er ganz selbstverständlich besitzt, und natürlich vollständig: Reclams Universal-Bibliothek. 1867 – wir haben also ein 150-Jahre-Jubiläum! – mit “Faust I” und “Faust II” als den Nummern 1 und 2 zum Preis von je zwei Silbergroschen erstmals am Verlagsort Leipzig vor die Öffentlichkeit getreten, wuchs und wuchs die bald weltberühmte Buchreihe permanent so mächtig an, dass sie knapp 100 Jahre später während einer Leipziger Bombennacht mit den vielen, vielen, vielen Heftchen ein besonders eindrucksvolles Flammeninferno darbot. Sie wurde dann 1947 in RUB-Ost in Leipzig und RUB-West in Stuttgart zerlegt, ist aber seit der Wende wieder vereint und beschäftigt seit einiger Zeit als charmante und höchst effiziente Lektorin für den Bereich der griechischen und lateinischen Literatur Melanie Kattanek, unsere Vortragende des 20.12. huius anni. Sie wird über das Produzieren von Bilinguen und Übersetzungen der uns interessierenden Texte berichten, speziell über die damit verbundenen Freuden und Leiden. Leiden? Probleme? Können die mit der Produktion von Heftchen verbunden sein, die in der dünnsten Form zwar nicht mehr zwei Silbergroschen, aber immer noch nur drei bis vier Euro kosten? Ja, die gibt es. Denn die Studierenden, die bekanntlich arm sind wie Kirchenmäuse und sich deshalb tragischerweise nur das teuerste Smartphone, nicht aber das allerteuerste leisten können, pflegen in altphilologischen Seminarübungen Xerokopien der Reclam-Seiten vor sich liegen zu haben, die den gerade benötigten Textausschnitt enthalten (weshalb die bemitleidenswerten Unterprivilegierten auch an der Uni nie erfahren, was ihnen schon am Gymnasium, wo sie noch ärmer waren, entging: dass diese Textabschnitte Teile größerer Werke sind, die man sogar ganz lesen kann, weil RUB sie in den Heftchen bequem zur Verfügung stellt!!!). Also droht Reclam auf vielen, vielen, vielen Heftchen sitzen zu bleiben, was fast noch schlimmer ist als ein Flammeninferno. Man ist natürlich vorsichtiger geworden, besonders mit griechischen Texten, weswegen es bald wieder wie im Mittelalter heißen wird: “Sunt Graeca: non leguntur”, was auf Englisch heißt: “It’s Greek: that’s Greek to me.” Aber Latein? Kann Reclam es z.B. wagen, Texte, wie sie zur Zeit die verdientstvolle Erfurter Translatzensfabrik Kai Brodersen non-Ltd. am Fließband produziert, z.B. das “Heilkräuterbuch” des Apuleius  oder “Der gute Arzt” von Scribonius Largus oder “Plinius’ Kleine Reiseapotheke”, ebenfalls und halt billiger herauszubringen? Auf diese und andere Fragen, die alle um die Zukunft der Beschäftigung mit den Alten Sprachen Besorgten interessieren dürften, wird Melanie antworten, moderiert von Sandra Hartl aus Bamberg, die nicht nur Altphilologin, sondern auch Spezialistin für John Ronald Reuel Tolkien ist, ja zur Zeit sogar über die Antikerezeption in seinem Opus promoviert. Da Reclam bisher lediglich “Farmer Giles of Ham” verlegt hat, aber noch nicht das Hauptwerk, den “Lord of the Rings”, wird Melanie sicher auch die Frage beantworten können, ob die Universal-Bibliothek nicht künftig lieber Werke wie dieses anstelle von Vergil, Herodot und Marc Aurel auf den Markt bringen und gleich die ganzen Kostüme für die Fans mitliefern sollte. Also, der Abend verspricht wieder interessant zu werden, und da er überdies wie jedes Jahr Ende Dezember mit Trimalchios Weihnachtsfeier, also mit Glühwein und Blatzerln (präsentiert von der bekannten Weihnachtsbäckerei Oberlinner & Stumpf), verbunden sein wird, lädt ganz besonders feierlich dazu ein

Ihre/Eure PSMS

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