Prof. Dr. Stefan Weise (Universität Wuppertal)
“Homer in der Postmoderne? Jan Křesadlo und sein neu-altgriechisches Epos ‘Astronautilia'”
Diskussionsleitung: Dr. Stefan Merkle (LMU München)
18. Mai 2016, 19:15 Uhr, Lyrikkabinett München
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der PSMS,
Trimalchio ist eigentlich nicht sonderlich glücklich darüber, dass in dem Land, in dem er seine PSMS-Vorträge veranstaltet, die meisten Hochschullatinisten sich ganz auf die Erforschung neulateinischer Literatur geworfen haben. Denn das Latein in diesen Texten ist am klassischen Vorbild orientiert, dagegen nicht an der mit Abstand schönsten Variante dieser Sprache, die aus seinem Munde und dem der Freigelassenen an seiner Tafel ertönt. DARAUS hätte sich Neulatein entwickeln müssen. Denn es ist doch langweilig, Cicero und Vergil nachzuahmen, weil die eben doch immer besser sind als jeder Imitator, während die Formulierungen z.B. des Feuerlöschlappenherstellers Echion doch nun wirklich nach Fortsetzung schreien. “‘Modo sic, modo sic’ inquit rusticus; varium porcum perdiderat. quod hodie non est, cras erit. sic vita truditur.” Was wäre weiser und zugleich genialer formuliert? Nein – nicht einmal die ganzen “Adagia” kommen dagegen an. Nun gibt es aber nicht nur Neolatinisten, sondern mittlerweile auch Neo-Altgräzisten, also Uni-Gelehrte, die sich mit den seit der Renaissance verfassten altgriechischen Texten philologisch auseinandersetzen. Es sind bisher nur wenige – Stefan Weise, der Vortragende des Abends, zu dem hiermit eingeladen wird, ist unus ex paucis -, aber sie beschäftigen sich immerhin mit Autoren, die wirklich einen enormen Mut gehabt haben müssen. Denn die langbärtigen Migranten aus der Türkei, die etwa seit der Mitte des 15. Jahrhunderts altgriechische Texte über Eidoméne oder auf Schlauchbooten über das Mittelmeer nach Westeuopa schleppten, wurden wegen ihres falschen orthodoxen Glaubens von den Rechtgläubigen sehr schräg angesehen; damals formierte sich auch gleich im Regensburger Reichsrat eine Partei, die sich “Ablehner freien Denkens” nannte und dafür eintrat, dass auf die in Westeuropa einzureisen versuchenden Transporteure von Platon- oder Sophokles-Handschriften an der Grenze mit Armbrüsten oder mit heftig dampfenden und ohrenbetäubend knallenden Steinschloss-Musketen zu schießen sei und die griechisch-orthodoxe Konfession bei uns verboten werden müsse, weil sie nicht mit den Grundwerten der Verfassung des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation vereinbar sei. Aber sogar die damals sonst so liberale römische Kirche war zunächst abweisend: Als der frisch importierte Originaltext des Neuen Testamentes 1516 von Eramus erstmals ediert wurde, kam er sofort auf den Index, und in Freiburg im Breisgau geschah es wenige Jahre später, dass ein Mönch, wie der Humanist Conrad von Heresbach berichtet, in einer Predigt sagte, “man möge sich vor der neu erfundenen Sprache, welche die griechische heiße, wohl hüten; denn diese sei die Mutter aller Ketzereien. Zugleich befinde sich jetzt ein Buch dieser Sprache, welches das Neue Testament heiße, in vielen Händen, dieses sei voll Dornen und Schlangen.” Wie man sieht, müssen es wirklich sehr couragierte Philologen gewesen sein, die damals nicht nur altgriechische Texte edierten, sondern selbst neue Werke, ja sogar Poesie, in der Sprache des antiken Hellas verfassten. Okay, wir haben dieses Problem des Anrennens gegen Widerstände nicht mehr; bei uns ist Altgriechisch an den Gymnasien nach wie vor am höchsten angesehen und von den Schülern heftig gefragt; die Griechisch-Klassen brechen nach wie vor auseinander, während die Neusprachler traurig auf ihre kleinen Häuflein blicken und wegen der Beliebtheit z.B. der Akzentregeln oder der kleinen mi-Verben sogar der Englischunterricht auszusterben droht. So gesehen hat Stefan Weises Vortrag über das (offenbar sehr amüsante) Epos “Astronautilia” vielleicht keinen akuten Anlass und ist gymnasialpolitisch irrelevant, ja, und Kompetenz dürfte schon gar nicht daraus geschöpft werden – es sei denn, das Starship, von dem im Text vermutlich die Rede ist, wird dort so gut beschrieben, dass man es nachbauen kann, etwa im Rahmen eines auf Kompetenz ganz besonders fixierten P-Seminars (“lámpe me áno, ô Skóti-e!”). Egal, es wird sich wieder lohnen, den Vortrag zu besuchen, auch und gerade für Nur-Lateiner, also “Halbphilologen”, wie einst Ernst Vogt diejenigen, die sich mit Graecumskursen abmühten, unvergleichlich motivierend und schmeichelhaft zu nennen pflegte. Hinzu kommt, dass den einen Stefan wieder ein anderer moderieren wird, nämlich der König der PSMS-Diskussionsleiter, Stefan Merkle. Also, kommen Sie/kommt (wie immer) in Scharen!
Empfiehlt Ihnen/Euch jedenfalls
Ihre/Eure PSMS