Prof. Dr. Werner Suerbaum (LMU München)
“Von der Welttrauer um den römischen Kronprinzen Germanicus zum privaten Schmerz einer bürgerlichen Witwe um 1900: Von Historiengemälden zum Thema “Agrippina mit der Asche des Germanicus” nach Tacitus (ann. 3,1-4) zur Grabmalkunst der Neuzeit”
Diskussionsleitung: Prof. Dr. Andreas Patzer (LMU München)
20.04.2016, 19:15 Uhr, Lyrikkabinett München
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der PSMS,
Michael Hotz ist es ja gelungen, unseren Saal ganz einfach mit Ausführungen zu einem Bild bis zum Rand zu füllen; unter den (bisher) 180 unvergesslichen PSMS-Abenden war das ein besonders unvergesslicher. Und er hat natürlich Verlangen nach Ähnlichem geweckt. Klar, wir sind in der Epoche des Bildes. Dabei ist die Ära des reinen Wortes noch gar nicht soooo lange her. Bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts gab es z.B. in Lateinbüchern für den gymnasialen Unterricht der 5.-9. (damals 1.-5.) Klasse kein einziges Bild. Was aber wiederum den Vorteil hatte, dass auf diese Weise Kreativität geweckt wurde: Wenn das Exemplar nicht der Schule, also nicht dem Staat, gehörte, malten die SchülerInnen ihre eigenen Bilder hinein, und manche sehr freche sogar in Staatseigentum. Das schuf einen wunderbaren Ausgleich zu dem extrem hohen Schwierigkeitsgrad der Lektionen, die zum größeren Teil aus deutschen ins Lateinische zu übersetzenden Sätzen bestanden, von “die Magd schreit” in der ersten Lektion des ersten Jahres bis zu verschränkten Relativsätzen und Perioden mit coniugatio periphrastica im 5. Jahr als der letzten Hürde vor der Lektüre. Heute dagegen drängen farbige Bilder geradezu die Texte zurück, und Schüler wie Lehrer freuen sich daran, weil man sie nicht übersetzen muss. Aber wie kommt nun die PSMS der allgemeinen Ikonophilie weiterhin entgegen? Und gibt es Michael Hotz gegenüber eine Steigerung? Jawohl, es gibt sie. Denn Werner Suerbaum ist für seine Arbeiten zum Thema “Bild und Text” so berühmt, dass die Accademia Nazionale Virgiliana in Mantua ihm den internationalen Vergil-Preis nicht schon verlieh, als er noch primär den Text der Aeneis erforschte, sondern als er der Welt mit dem “Handbuch der illustrierten Vergil-Ausgaben 1502-1840” seine bisher umfangreichste Publikation zu dem römischen Dichter und vor allem zu dessen Epos vorgelegt hatte. Trimalchio ist also sehr stolz, dass er diesen hochgeehrten Bilderspezielisten nun auch noch gewinnen konnte. Und so wie die Accademia in Vergils Geburtsort sozusagen zum Ausgleich den Preis simultan auch einem Textmann überreichte – Richard Tarrant, dem Kommentator von Buch 12 der Aeneis -, so wird unseren Redner Andreas Patzer vorstellen, dessen Bevorzugung des Wortes sich während seiner Lehrtätigkeit an der LMU u.a. darin äußerte, dass er legendäre Stilübungen hielt. Werner Suerbaum wird auch insofern eine Steigerung gegenüber Michael Hotz bieten, als nicht nur das Gemälde, das er uns vorstellen wird, so gut wie unbekannt sein dürfte, sondern auch die darauf offensichtlich abgebildete Agrippina, welche offensichtlich eine Urne mit der Asche ihres vermutlich ermordeten Gatten Germanicus in der Hand hält. Denn viele werden nach der Lektüre des barocken Vortragstitels fragen: Wer sind Germanicus und Agrippina? Von ihnen konnte man zu der Zeit, als es noch keine Bilder in den Lateinbüchern gab, in der Gymnasialklasse erfahren, an deren Ende das Abitur stand. Damals las man nämlich noch Tacitus, nachdem man ihn am Anfang der Oberstufe schon als Autor der “Germania” kennengelernt hatte (die ebenfalls aus dem Lehrplan verschwunden ist). Ja, die Lektüre der “Annalen”, das war der absolute Höhepunkt am Ende von neun Jahren Latein mit vielen Wochenstunden und ohne Bilder; oft übernahm dann der Herr Oberstudiendirektor persönlich den Unterricht. Ist es also nicht ganz wunderbar, dass auch hier nun das Gemälde den Text ersetzt, dass wir uns nicht mit dem schweren Latein des Historikers abmühen müssen, sondern einfach auf die wie immer durch Maria-von-der-Technik möglich gemachte Powerpoint-Präsentation blicken und uns von Werner Suerbaum sagen lassen dürfen, wer Germanicus war? Und vielleicht sind dann unter den Zuhörern auch solche, die noch nicht so richtig vertraut sind mit der neuen Technik. Die bekommen dieselbe anschließend von Maria erklärt, und schon wird ihnen auch Kompetenz vermittelt!!!! Ja, da schau her! Es zeigt sich deutlich, dass der Abend dem idealen Lernziel des modernen Lateinunterrichts ideal dienen wird: Bild statt Latein, Tacitus zum Anschauen statt zum Übersetzen – und doch endlich wieder wie einst in Oberprima dargeboten, zugleich aber kompetent machend. Und Trimalchio freut sich noch speziell deswegen, weil mit Tacitus derjenige Historiker gewürdigt wird, der Trimalchios Vater Petron ein ganzes Kapitel widmet. Gibt es auch ein Gemälde zu diesem Kapitel (ann. 16,18)? Klar gibt’s das! Wer weiß, ob wir darüber nicht auch eines Tages einen Vortrag bekommen! Aber jetzt freuen wir uns erst einmal auf diesen, und wir hoffen, dass wieder viele zum Zuhören kommen, mindestens genauso viele wie zu Michael Hotz.
Noch mehr wünscht sich sogar
Ihre/Eure PSMS