Professor Thorsten Burkard (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel)
“Ein Blitz auf heiterem Himmel – ein (notwendiger) neuer Interpretationsvorschlag zu Horaz’ Bekehrungsode (Carmen 1.34)
Diskussionsleitung: StR Robert Reisacher (Gersthofen)
24.10.2018, 19:15 Uhr, Lyrikkabinett München
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der PSMS,
der Blitz, mit dem Thorsten Burkard bei uns einzuschlagen gedenkt, ist ein dreifacher: 1. ist es ein voll neihauendes Ereignis, dass er, einst an der LMU dozierend und dabei ein besonders beliebter Leiter von Stilübungskursen – Robert Reisacher, jetzt am Paul-Klee-Gymnasium in Gersthofen lehrend, saß auch drin und wird den Vortrag deshalb besonders gern moderieren -, nach all den Jahren wieder da ist (wobei er als Blitz freilich nicht direkt in das LMU-Hauptgebäude fährt, sondern umso effektvoller daneben); 2. geht es natürlich um den Blitz, den Horaz laut c. 1,34 am hellichten Tag gesehen haben will, und 3. ist es längst höchste Zeit, dass die für Lateinstudium und Lateinunterricht Verantwortlichen ihre Studenten bzw. Schüler wieder heftig dazu verdonnern, die Oden des Horaz zu lesen. Wenn man bedenkt, dass Nietzsche diese Gedichte zu dem künstlerisch Bedeutendsten erklärte (“vornehm par excellence”), was je geschrieben wurde, ja sie sogar, obwohl er als Gräzist gelehrt hatte, über die Poesie der Griechen stellte, und wenn man bedenkt, dass mitten im Zweiten Weltkrieg ein britischer Major und ein von ihm auf Kreta gefangengenommener deutscher General sich im Angesicht des Ida die Soracte-Ode gegenseitig aufsagten – wenn man dies und vieles andere bedenkt, ist es schon ein Ding, dass heute, wie Trimalchio aus sicherer Quelle weiß, ein Lateinschüler bzw. -student ein Abitur bzw. ein Staatsexamen bestehen kann, ohne zu wissen, dass Horaz diese Gedichte in bestimmten lyrischen Versmaßen verfasst hat, geschweige denn auch nur eine Zeile von diesen Texten je gesehen zu haben. Während einst in einem Reifezeugnis in der Spalte “besondere Bemerkungen” stehen konnte: “Besonders zu loben ist, dass er/sie sämtliche horazischen Metren beherrschte” (vidi oculis meis!), liest man da heute: “Besonders zu loben ist, dass seine/ihre Kompetenz besonders kompetent war.” Dabei sind doch die lyrischen Versmaße des Odendichters allein schon dadurch geadelt, dass sie den Melodien von Kirchenliedern zugrunde gelegt wurden! Wir könnten also alle miteinander die alkäischen Strophen von Thorsten Burkards Carmen 1,34 gleich nach seinem Vortrag und vor der Petronian Party mit Donnerschall nach der Weise von “Nun prei-set al-le Gottes Barm-her-zigkeit, lobt ihn mit Schal-le, werteste Chris-tenheit …” singen! Gewiss, Geflügeltes von Horaz wird gelegentlich noch zitiert, besonders “Carpe diem”, das durch “Der Club der toten Dichter” in der ganzen Welt bekannt wurde, oder – herrlich falsch (besonders häufig in englischsprachigen Texten): “Wir sind gerade medias in res”. Aber weiß noch jeder, wer hier zitiert wird? Robin Williams nennt Horaz in jenem Film nicht, und Werner Suerbaums verdienstliche Horaz-Ausstellung, in der diesen Bonmots extra eine Schautafel gewidmet war, liegt schon wieder ein Vierteljahrhundert zurück. Ja, Trimalchio ereifert sich in diesem Schreiben zur Abwechslung mal, weil er immer wieder am hellichten Tag von dem Blitz der plötzlichen Erkenntnis, dass die jüngere Generation mit Horazens Oden nicht mehr so recht etwas anfangen kann, so jäh getroffen wird, dass er dann ganz benommen ist. Und so ist denn zu wünschen, dass Thorsten Burkard in diese Misere heftig hineindonnern wird. Der Abend verspricht mithin wieder, ein fulminantes Ereignis zu bieten, und mit umso lauter donnernder Stimme lädt dazu ein
Ihre/Eure PSMS