Vortrag am 19. Dezember 2018

Dr. Andreas Abele (Eberhard Karls Universität Tübingen)

“Naso a naso pendeat! Schüler- und Lehrerfrust auf der Bühne der Jesuiten”

Diskussionsleitung: Dr. Oliver Schelske (LMU)

Mittwoch, 19.12.2018, 19:15 Uhr, Lyrikkabinett München

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der PSMS,
Einem der bedeutendsten Dichter der Antike versagte die Welt im Jahre 1917, als er (vermutlich) 1900 Jahre tot war, schnöde jedes öffentliche Gedenken. Daran war sicherlich nicht der Krieg schuld, sondern überwiegend die damals international übermächtige deutsche Altphilologie, die auch Ovid nicht so recht verstand. Doch letztes Jahr und damit im Zeitalter des Dominats der anglophonen classici, die Ovid in den 80er/90er Jahren des letzten Jahrhunderts umfassend rehabilitierten, entschädigten ihn zahllose Aktivitäten vor allem außerhalb des deutschsprachigen Raums (Ausnahme bei uns in München: ein Ovid-Abend mit Schülerwettbewerb im Sophiensaal, initiiert von dem trefflichen Willy Pfaffel). Einer der Höhepunkte fand in Nasos Geburtsstadt Sulmo (heute Sulmona) in den Abruzzen statt: eine glanzvoll organisierte internationale Konferenz, zu deren Abschlussveranstaltung sogar der italienische Staatspräsident erschien. Trimalchio, der, um an diesem Festakt teilnehmen zu können, eigens den EuroStar in Napoli bestieg, hatte Mühe, sich durch die Carabinieri und die vielen Ovid-Fans den Weg zum Festsaal im Teatro zu bahnen, und er dachte, dass diese Form der (späten) Ehrung an sich ja sympathischer sei als die, welche den beiden nicht vergessenen anderen zwei großen augusteischen Poeten nicht lange nach 1917 anlässlich ihrer Jubiläen zuteil wurde: Damals wurden Vergil und Horaz primär von deutschen und italienischen Faschisten vor deren Wagen gespannt, indem z.B. der Bruder des “Duce” in Mantua einen Garten anlegte, worin jedes Gewächs angepflanzt wurde, das in Bucolica, Georgica und Aeneis irgendwie vorkommt. Also 2017 nun doch Ovid-Verehrung allerorten, dazu zahllose Publikationen. Nun hat aber die PSMS den von Werner Suerbaum, einem ihrer treuesten Vortragshörer, stets zur Beherzigung empfohlenen Satz audiatur et altera pars in ihre Statuten aufgenommen, und daher ist es nur folgerichtig, dass am 19.12.18 der neulateinkundige Andreas Abele aus Tübingen einen Vortrag halten wird, in dem es offenbar auch um das Ovid-Bild der Jesuiten geht und diese als Gegner des Dichters dargestellt werden: Naso solle an der Nase aufgehängt werden, haben sie wohl gefordert. Das klingt schlimmer, als es ist, denn aliquem naso suspendere entspricht einfach unserem “über jemanden die Nase rümpfen”. Aber hat die SJ sich damit begnügt? Über einen ihrer Großen in der frühen Neuzeit, Matthäus Rader, hört man immer wieder, er habe Ovids Geistesverwandten Martial mutig kommentiert. Aber das kann nicht stimmen. Denn seine Ingolstädter Ausgabe der Epigramme von 1599, die mehrfach neu aufgelegt wurde, verkündet schon auf dem Titelblatt, das Buch erscheine omni rerum et verborum obscenitate sublata, und tatsächlich ist es nur eine brave Auswahlausgabe. Immerhin musste sich Rader 1602 brieflich über ein in der Ordenszentrale kursierendes Gerücht beklagen, sein Martial enthalte alle Epigramme, quasi integrum Martialen nec purgatum nec castratum enarrassem (“= … kommentiert hätte”). Na, na, na – wie DER Verdacht wohl aufkam? Und haben die Jesuiten nun auch Ovid “gereinigt und kastriert”? Oder wie gingen sie mit ihm um? Wie man sieht, dürfen wir Andreas Abeles Vortrag mit Spannung erwarten, und er wird überdies von einem Freund und Kollegen moderiert, der – öfter mal was Neues – in unsern beiden Fächern ALLES, ja absolut ALLES weiß, weil er in der Redaktion von Gnomon und Année philologique sitzt: Oliver Schelske. Ja, und Trimalchios Weihnachtsfeier ist auch noch! Kommen Sie/kommt deshalb in großen Scharen!
Dazu ermuntert mit besten Wünschen für die Adventszeit
Ihre/Eure PSMS

Vortrag am 14. November 2018

Robert Reisacher (Augsburg)
“Raus aus dem Buch, rein ins Leben” – Schauplätze von Cäsars Bellum Gallicum im Original erkundet
Diskussionsleitung: Niklas Holzberg (München)
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der PSMS,
Es gibt die bekannte Geschichte, derzufolge Caesar, als seine Freunde beim gemeinsamen Vorbeimarsch an einem Alpendorf witzelnd fragten, ob es auch dort wohl Bewerbungen um Ämter, Rangstreitigkeiten um die Spitzenstellen und gegenseitigen Neid unter den Mächtigen gebe, zu ihnen sagte: “Ich persönlich wollte doch lieber bei diesen Leuten der Erste sein als bei den Römern der Zweite!” In einer der Handschriften, die den Text überliefern, steht nun statt “Alpendorf” “Schwabendorf”, was ja so ähnlich ist, dass es die korrekte Lesart sein könnte, wenn nicht sogar die lectio difficilior, und deshalb meinen viele Gelehrte, es sei damit Gersthofen bei Augsburg gemeint. Das MUSS auch gemeint sein, denn wie wäre sonst ausgerechnet der Gersthofener Gymnasiallehrer Robert Reisacher auf die Idee gekommen, sich zu verschiedenen Stätten zu begeben, an denen Caesar nachweislich wirkte, um archäologisch zu eruieren, wie die heute aussehen, und uns nun einen Vortrag darüber zu halten? Sein Schwabendorf als Ort einer der prominensten Caesar-Geschichten hat ihn halt einfach zu seiner nicht genug zu preisenden Aktion inspiriert! Gersthofen ist ja allein schon deshalb berühmt, weil es der Schauplatz von Geschichten in vier Meisterliedern des Hans Sachs ist. In einem davon z.B., verfasst am 20.2.1553 und zu singen in der Abenteuerweise des Hans Folz – das Incipit lautet: “Ain dorff ligt in dem Schwabenlant, / Gersthoffen so ist es genant” -, hilft ein Mönch, der gerade terminiert (Judith weiß, was das Verb hier bedeutet), einer Bäuerin und ihrer Magd bei der Suche nach einer Spinnwirtel und dabei verwechseln beide, als der Münch sich einmal mit seiner “kutten hoch aufgeschuerzt” bückt, seine dabei sichtbar werdenden Hoden (“des münichs glockelwerck”) mit zwei Spinnwirteln und verdächtigen ihn, mit denen fliehen zu wollen. Um die (vermeintlichen) Spinnwirteln wiederzuerhalten, kastrieren sie ihn mit einem “protmesser”, und weil er sich dabei in seiner Angst vor den Frauen nicht wehrt, bekommt er großzügigerweise zwei Stück Käse als Lohn für die sehr nette Bereitschaft zur “Rückgabe”. Fürwahr, in einem Dorf, wo so etwas passiert ist, der Erste zu sein, wäre doch wirklich eine lohnende Aufgabe! Robert Reisacher hat freilich keine Ambitionen, Schultheiß von Gersthofen zu werden; er begnügt sich in Augschburg, wo er zu wohnen vorzieht, weil er in Gerschthofen Verwechslungen wie die gerade berichtete fürchten muss, mit Rang 2. Nein, er wünscht sich lediglich ein interessiertes Publikum, und er hat sich freundlicherweise bereiterklärt, zusammen mit denjenigen, die gscheite Fragen in der anschließenden Diskussion stellen, eine von der PSMS organisierte und finanzierte Exkursion zu den von ihm bereits besichtigten Stätten zu unternehmen. Also auf zu dem gelehrten Robert, seinem Autopsiebericht und seinen Bildern sowie in Bälde mit ihm auf nach Alesia, Bibracte, Guersthoviae Sueborum, Avaricum usw.!!! Die Veranstalter des Abends, von denen einer so begeistert ist von der Identifizierung Gersthofens als des Schwabendorfes in der Caesar-Geschichte, dass er Robert moderieren wird, geloben auch, dass sie bei der Petronian Party KEINE altrömischen Spezialitäten (würg!), sondern das von Lavinia und Maria auch sonst Zubereitete servieren werden (schmatz!). Ist das nicht ein Wort? Und ist das Vortragsthema plus Exkursionsversprechen nicht verlockend?
Fragt, herzlich einladend,
Ihre/Eure PSMS

Vortrag am 24. Oktober 2018

Professor Thorsten Burkard (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel)
“Ein Blitz auf heiterem Himmel – ein (notwendiger) neuer Interpretationsvorschlag zu Horaz’ Bekehrungsode (Carmen 1.34)
Diskussionsleitung: StR Robert Reisacher (Gersthofen)
24.10.2018, 19:15 Uhr, Lyrikkabinett München
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der PSMS,
der Blitz, mit dem Thorsten Burkard bei uns einzuschlagen gedenkt, ist ein dreifacher: 1. ist es ein voll neihauendes Ereignis, dass er, einst an der LMU dozierend und dabei ein besonders beliebter Leiter von Stilübungskursen – Robert Reisacher, jetzt am Paul-Klee-Gymnasium in Gersthofen lehrend, saß auch drin und wird den Vortrag deshalb besonders gern moderieren -, nach all den Jahren wieder da ist (wobei er als Blitz freilich nicht direkt in das LMU-Hauptgebäude fährt, sondern umso effektvoller daneben); 2. geht es natürlich um den Blitz, den Horaz laut c. 1,34 am hellichten Tag gesehen haben will, und 3. ist es längst höchste Zeit, dass die für Lateinstudium und Lateinunterricht Verantwortlichen ihre Studenten bzw. Schüler wieder heftig dazu verdonnern, die Oden des Horaz zu lesen. Wenn man bedenkt, dass Nietzsche diese Gedichte zu dem künstlerisch Bedeutendsten erklärte (“vornehm par excellence”), was je geschrieben wurde, ja sie sogar, obwohl er als Gräzist gelehrt hatte, über die Poesie der Griechen stellte, und wenn man bedenkt, dass mitten im Zweiten Weltkrieg ein britischer Major und ein von ihm auf Kreta gefangengenommener deutscher General sich im Angesicht des Ida die Soracte-Ode gegenseitig aufsagten – wenn man dies und vieles andere bedenkt, ist es schon ein Ding, dass heute, wie Trimalchio aus sicherer Quelle weiß, ein Lateinschüler bzw. -student ein Abitur bzw. ein Staatsexamen bestehen kann, ohne  zu wissen, dass Horaz diese Gedichte in bestimmten lyrischen Versmaßen verfasst hat, geschweige denn auch nur eine Zeile von diesen Texten je gesehen zu haben.  Während einst in einem Reifezeugnis in der Spalte “besondere Bemerkungen” stehen konnte: “Besonders zu loben ist, dass er/sie sämtliche horazischen Metren beherrschte” (vidi oculis meis!), liest man da heute: “Besonders zu loben ist, dass seine/ihre Kompetenz besonders kompetent war.” Dabei sind doch die lyrischen Versmaße des Odendichters allein schon dadurch geadelt, dass sie den Melodien von Kirchenliedern zugrunde gelegt wurden! Wir könnten also alle miteinander die alkäischen Strophen von Thorsten Burkards Carmen 1,34 gleich nach seinem Vortrag und vor der Petronian Party mit Donnerschall nach der Weise von “Nun prei-set al-le Gottes Barm-her-zigkeit, lobt ihn mit Schal-le, werteste Chris-tenheit …” singen! Gewiss, Geflügeltes von Horaz wird gelegentlich noch zitiert, besonders “Carpe diem”, das durch “Der Club der toten Dichter” in der ganzen Welt bekannt wurde, oder – herrlich falsch (besonders häufig in englischsprachigen Texten): “Wir sind gerade medias in res”. Aber weiß noch jeder, wer hier zitiert wird? Robin Williams nennt Horaz in jenem Film nicht, und Werner Suerbaums verdienstliche Horaz-Ausstellung, in der diesen Bonmots extra eine Schautafel gewidmet war, liegt schon wieder ein Vierteljahrhundert zurück. Ja, Trimalchio ereifert sich in diesem Schreiben zur Abwechslung mal, weil er immer wieder am hellichten Tag von dem Blitz der plötzlichen Erkenntnis, dass die jüngere Generation mit Horazens Oden nicht mehr so recht etwas anfangen kann, so jäh getroffen wird, dass er dann ganz benommen ist. Und so ist denn zu wünschen, dass Thorsten Burkard in diese Misere heftig hineindonnern wird. Der Abend verspricht mithin wieder, ein fulminantes Ereignis zu bieten, und mit umso lauter donnernder Stimme lädt dazu ein
Ihre/Eure PSMS