Vortrag am 19. Juli 2017

s-l225Prof. Dr. Regina Höschele (University of Toronto)

Et Vergilium faciamus impudentem: Die textuelle Defloration eines jungfräulichen Dichters”

Diskussionsleitung: Prof. Dr. Peter Bing (Univ. of Toronto)

19.07.2017, 19:15 Uhr, Lyrikkabinett München

 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der PSMS,

Vergils Aeneis ist der einzige Text der klassischen lateinischen Literatur, der im Zusammenhang mit Trimalchios Cena eine gewisse Rolle spielt. Der Gastgeber kennt ihn offenbar gut, denn er zitiert einmal durchaus gewitzt Laokoons sic notus Ulixes? aus dem Anfang von Buch 2 (c.39,3). Und unter den Kostbarkeiten, die er besitzt, befindet sich eine ihm von seinem Patron hinterlassene Henkelschale, auf der Daedalus Niobam in equum Troianum includit (c.52,2). Gut, diese Geschichte lesen wir ebenfalls in Buch 2 der Aeneis, weshalb man meinen könnte, nur der Anfang des Epos sei Trimalchio näher bekannt. Aber von wegen! Als die Cena sich bereits ihrem Ende zuneigt, lässt ein Sklave des Habinnas auf einmal den Vers interea medium Aeneas iam classe tenebat laut und in singendem Tonfall erschallen, und das ist der erste von Buch 5, ja, und offenbar kommt dann eine Fortsetzung, denn Enkolp berichtet, jener Sklave habe nunmehr einen Mix aus der Aeneis und Atellanenversen geboten. Das freilich war vielleicht nicht sehr schön, da Enkolp klagt, kein Klang habe jemals schriller seine Ohren durchbohrt, “so dass mich da zum ersten Mal sogar Vergil abstieß” (c.68,5). Was der Ich-Erzähler der Satyrica freilich nicht weiß, ist dies: Einzelne Verse Vergils interpretierte man schon in der Antike auf eine Weise, die zwar Schulmännern, welche Lehrplanrichtlinien formulieren, vielleicht nicht besonders gut gefallen hätten, aber Enkolp um so mehr: Man las sie sensu obscaeno, und das stand nun ganz im Widerspruch zu dem, was die auf Sueton zurückgehende Donat-Vita des Dichters über diesen berichtet: Er sei in Neapel, wo er sich ja gerne aufhielt und auch begraben liegt, “Parthenias” genannt worden, was “der Jungfräuliche” heißt und ja auch gut zu der international bevorzugten Namensschreibweise “VIRG-ilius” passt. Von diesem Widerspruch wird nun Regina Höscheles Vortrag ihren Ausgang nehmen und uns zum Abschluss des Semesters sehr witzige Kostproben der unjungfräulichen Vergilinterpretation präsentieren. Sie kommt dazu aus Toronto, wo sie an der Uni lehrt, und wie analog bei Fabian Zogg an unserem letzten Vortragsabend, wird ihr Mann Peter Bing, ebenfalls Professor in Toronto, sie vorstellen und die Diskussion leiten. Ob dem Sohn der beiden, dem etwa eineinhalb Jahre alten Daniel, auch noch eine Funktion zugeteilt werden kann, ist noch nicht sicher, aber es ist damit zu rechnen, da bei Trimalchio alles möglich ist, und einen “schrillen Klang” bringt Klein-Daniel allemal her. Bei seinem Namen erinnert man sich daran, dass 1991 kurz nach der Gründung der PSMS “Petronian Society Newsletter” über dieses Ereignis berichtete und dazu bemerkte: “Professor Holzberg’s family has expanded with the birth of a son, Daniel, who will eventually take the helm of the Munich section of the Society” (PSN 21, p.6). Nun, dazu ist es dann nicht gekommen, weil der Daniel, von dem hier die Rede ist, mittlerweile  der Aeneis Atellanen vorzieht, in denen er selber auftritt (eine ging z.B. über den jungen Karl Marx). Aber sein junger Namensvetter gibt Anlass zu der Hoffnung, dass er der Steuermann der PSMS sein wird, wenn diese 2091 ihr hundertjähriges Bestehen feiert. Allein schon die Möglichkeit, Daniel d.J. als einen wichtigen Petronianer der Zukunft kennenzulernen, rät unbedingt dazu, seiner vortragenden Mama und seinem moderierenden Papa am 19. Juli 2017 die Ehre zu geben, und dazu lädt herzlich ein

Ihre/Eure PSMS

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