Dr. Fabian Zgoll (Universität Zürich)
“Pseudo-Vergil im Schulunterricht: Ein (bayerischer) Blick über die Trias hinaus”
Diskussionsleitung: Laura Napoli (Universität Zürich)
Lyrikkabinett München, 28. Juni 2017, 19:15 Uhr
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der PSMS, habent sua fata libelli – das weiß niemand besser als Trimalchio, der bekanntlich einmal verrät (48,4): III bybliothecas habeo, unam Graecam, alteram Latinam (und natürlich haben neunmalschlaue Philologen III, was eindeutig in der einzigen Handschrift steht, in II korrigiert – man möchte sich kaputtlachen!). So soll der aufregende Empedokles-Papyrus vor der Wiederentdeckung fein zurechtgeschnipselt den Hut eines Äthiopiers verziert haben, und der einzige erhaltene Codex einer mittelhochdeutschen Bearbeitung von Ovids Metamorphosen aus dem frühen 13. Jahrhundert, verfasst von Albrecht von Halberstadt, wurde um 1623 in Oldenburg u.a. zum Einbinden eines Steuerregisters und einer Polizeiordnung auseinandergenommen. Ja, und um 1750 versah die Gilde der Bäcker und Müller im steiermärkischen Schladming ihr “Meisterbuch” für 1654-1750, also ihre hochinteressanten Annalen des Korndreschens und Brezelbackens, mit einem Pergamenteinband, für den ein aus einem Vergil-Kodex des 9. Jahrhunderts herausgetrenntes Doppelblatt verwendet wurde; es enthielt, in einer schönen karolingischen Minuskel geschrieben, den für uns ältesten Textzeugen eines Teils der Appendix Vergiliana. Über dieses Korpus, das u.a. die traurige Geschichte von der lebensrettenden, aber dennoch erschlagenen Mücke, das heiße Gedicht über eine erotische Schankwirtin und das Rezept für das von lebendigen Lateinern wie Valahfridus gern gegessene Kräuterkäsegericht enthält, wird Fabian Zogg aus Zürich zu uns sprechen – aber wie ist er, der sich doch über den Frieden des Aristophanes promovierte, dazu gekommen? Nun, es gefiel ihm nicht, dass in Bayern an Gymnasien in Q 12 von Vergil praktisch nur die sogenannten “Durchblicke” der Aeneis gelesen werden, und so wiederholte er die Aktion des Protagonisten im Frieden, indem er auf einem Mistkäfer hinauf zum Himmel zu Zeus ritt und diesen dafür zu sorgen bat, dass Texte der Appendix Vergiliana – darunter ja auch die hochwissenschaftliche Erklärung des Vulkanismus – zur Schullektüre erhoben würden. Der Vater der Götter und Menschen wiederum gelobte unter einer Voraussetzung seine Bereitschaft: Fabian müsse einen so überzeugenden Vortrag halten, dass die “Durchblicke” niemanden mehr interessieren würden, und dann werde er, Zeus, den bayerischen Kultusminister und den lehrplanenden Werner Scheibmayr dahingehend erleuchten, dass künftig z.B. der Text fürs Lateinabitur aus der Aetna genommen werde, die ein so erfreulich reichliches naturphilosophisches Vokabular hat; da gemunkelt wird, man werde nach einer kurzen G 9-Phase wieder zu G 8 zurückkehren, wird ja schon bald Gelegenheit zur Aufnahme der Appendix in den Autorenkanon der Q 12 sein. Zeus wusste übrigens auch, dass eine der vielen PSMS-Bräuche, nämlich dass Vortragende sich vom Ehepartner vorstellen und die Diskussion leiten lassen, seit zehn Jahren nicht mehr gepflegt wurde, nämlich seit dem 19. April 2010, an dem Gareth Schmeling, Mitgründer der amerikanischen “Petronian Society”, von seiner gräzistischen uxor Silvia Montiglio moderiert wurde, und so bat der Wolkensammler um Wiederaufnahme. Gut, dass auch Fabian eine gräzistische uxor hat, nämlich Laura Napoli, die am selben Institut lehrt wie er, und so kann Zeus auf jeden Fall in diesem Punkt entgegengekommen werden. Es besteht aber auch große Hoffnung, dass Fabian die Bedingung des Gottes erfüllen wird und somit künftig von bayerischen Gymnasiasten statt der Prophezeiung Jupiters an Venus künftig z.B. Vergils Verfluchung seines konfiszierten Landgutes oder die Moritat von der dem Vater von der Tochter aus Liebe zum Kreterkönig abgeschnittenen magischen Locke gelesen wird. Das kann aber nur stattfinden, wenn Sie/Ihr dem Fabian in Scharen die Ehre gebt, und wir können schon deshalb einen ebenso kompetenten wie unterhaltsamen Vortrag garantieren, weil Fabian gerade zusammen mit seinem Freund Sheldon (!) an keinem geringeren Ort als Oxford eine internationale Konferenz über die Appendix Vergiliana organisiert hat. Zu seinem Vortrag bei uns und zum anschließend bei der “Petronian Party” von Julia und Pavlinka zu servierenden Kräuterkäsegericht lädt herzlich ein
Ihre/Eure PSMS