Vortrag am 14. Dezember 2016

Prof. Dr. Christine Walde (Johann-Gutenberg Universität Mainz)

“Kulturgeschichte des Schlafs in der Antike”

Diskussionsleitung: Stadträtin Barbara Leininger (Ingolstadt)

14.12.2016, 19:15 Uhr, Lyrikkabinett München

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

es war eine gute Idee Trimalchios, Christine Walde, die Weltspezialistin für antikes Träumen, zu einem Vortrag über den Schlaf – und das heißt im Falle der Antike, auf die sie sich beschränken wird, den Schlafgott Somnus (griech. Hypnos) – einzuladen. Das nicht nur deswegen, weil Trimalchio sich bisher mehr für Thanatos, den Bruder des Somnus/Hypnos, interessiert und da ein Nachholbedürfnis hsomnus-figure-by-wedgwood-jpgw500h350at, und auch nicht nur deswegen, weil eine Woche nach Christines Vortrag offiziell der Winterschlaf beginnt. Nein, vor allem doch wohl deswegen, weil Vertreter des Fachs Altphilologie, speziell die Studenten, ein spezielles Verhältnis zum Schlaf haben: In 90% der Hörsäle des deutschen Sprachraums, in denen Altphilologie gelehrt wird, errichtet in der Regel schon bald, nachdem der Professor mit seiner Vorlesung begonnen hat, Somnus über fast alle Hörer seine Herrschaft (außer über Streber wie Sheldon Cooper, die zum Betreiben der Gesichtsmassage hellwach sein müssen). Woran liegt das? Gibt es das immer noch, dass ein Professor, der für ein Semester mit 15 Doppelstunden “Römische Satire” (Lucilius, Horaz, Persius, Juvenal) angekündigt hatte, in der 13. Sitzung, nachdem er zwölf Sitzungen lang anhand des Grammaticus Diomedes überlegt hat, ob der Begriff von einem römischen Mischgesetz oder einer Pizza Calzone  oder sonstwoher kommt, nun mit der Interpretation der Fabel von der Haubenlerche beginnt, die in der satura des Ennius gestanden haben soll (oder den saturae – das könnte man in der 14. Sitzung überlegen!), weshalb zu erwarten steht, dass nicht einmal mehr Horazens makulierte nocturna vestis zur Sprache kommen wird, die doch aufwecken könnte? Dass es sowas noch gibt, kann man sich eigentlich in der Ära der credit points, die bekanntlich als Ansporn das studentische Interesse erheblich gesteigert haben, nicht vorstellen. Der wahre Grund muss sein, dass an unseren almis matribus zu wenig über Petron gelehrt wird. Deshalb wurde ja auch vor 25 1/2 Jahren die “Petronian Society Munich Section” gegründet, unter deren bisher 186 Vorträgen immerhin acht über die Satyrica gingen. Wie es so kommt, wird Christine Waldes Moderatorin die Frau sein, welche den allerersten Anstoß zur Formierung der PSMS gab: Barbara Leininger, Oberstudienrätin am Reuchlin-Gymnasium in Ingolstadt und Stadträtin daselbst; Letzteres vermutlich weil die WählerInnen ihre trimalchionische Initiative zu würdigen wussten, ja, ganz bestimmt! Was gab der Barbara die exquisite Idee ein? Es war die Tatsache, dass sie 1990 bei einer Fortbildungsveranstaltung für Lateinlehrer während des Vortrags eines Universitätsprofessors über Phaedrus ausnahmsweise nicht schlief. Zwar wurden auch ihre Augen schon bald nach Beginn des Vortrags schwer, aber weil es sie plötzlich empörte, dass der Redner als Hauptthese in den Raum stellte, der Fabeldichter sei ein totaler Depp gewesen und verdiene die Lektüre nicht, wurde sie hellwach. Denn sie dachte (ohne zu ahnen, dass die treffliche Ursula Gärtner eines Tages Phaedrum als ausgebufften, selbstreflexiven, intertextuell genial vernetzten Poeta nachweisen würde) ganz einfach an die bedeutendste Novelle der Weltliteratur, die von der Matrone von Ephesus (in der z.B., wie ein korrespondierendes Mitglied der PSMS in der Schweiz kürzlich in einem glänzenden Aufsatz zeigte, der Erzähler Eumolp sich selbstreflexiv in der ancilla spiegelt, wow!), und daran, dass Phaedrus diese Novelle ja schließlich auch erzähle. “Dem Manne kann geholfen werden”, rief Barbara, fuhr zurück nach München, trommelte ein paar nette Typen zusammen, es entstand als erste Veröffentlichung eine Phaedrus-Bibliographie mit Impressum “Petronian Society Munich Section”, und schon bald kam Heinzi Hofmann aus Groningen und hielt den ersten Vortrag (extra über Apuleius, nicht über Petron). Also, zum Abschluss des glorreichen Jubiläumsjahrs besteht nun auch noch Gelegenheit, nach einem anderen Mitgründer, dem titanischen Festredner Stefan Merkle, die Initiatorin kennenzulernen. Und vielleicht erscheint ja diesmal auch – nein, nicht Trimalchio, sondern Somnus höchstpersönlich; er muss freilich erst, wie wir beim Ovidio in Metamorphoseon libro XI lesen, “sich von sich selbst abschütteln”. Doch er wird keine Macht über das Auditorium ausüben können, weil es ganz einfach ein ganz faszinierender Vortrag, eine charmant-witzige Moderation auf Stadtratsniveau und eine berauschende Petronian Christmas Party werden werd.

Verspricht Ihnen/Euch
Ihre/Eure PSMS

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