Prof. Dr. Andreas Heil (Universität Regensburg)
“Ein klein wenig zu Ovid und Dante”
Diskussionsleitung: Prof. Dr. Regina Höschele (University of Toronto)
Lyrikkabinett München, 08. Juni 2016, 19:15 Uhr
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der PSMS,
das 19. Jahrhundert war bekanntlich, wie z.B. Thomas Mann
mehrfach betonte, ein besonders großes, aber natürlich hatte es auch Schattenseiten. Eine davon war die im Zuge der Industrialisierung aufgekommene Kinderarbeit. Doch mindestens einmal hatte diese eine (ungewollt) positive Wirkung. Welche? Lector, intende, laetaberis! Irgendwo in Yorkshire musste in der Mitte des Novecento ein etwa achtjähriges Knäblein namens Andrew täglich im Bergwerk schuften. Aber seinem besonders strengen und sadistischen Aufseher war, was Andrew leistete, zu wenig, und darum belegte er ihn mehrfach mit drakonischen Strafen. Der Mann hatte vorher Latein studiert, aber den dritten Stilkurs auch bei der zweiten Wiederholung nicht bestanden und deshalb die Tätigkeit gewechselt. Auf sein einstiges Studium aufbauend, quälte er Klein-Andrew einmal besonders diabolisch: Er erzählte ihm ausführlich das Leben Ovids, mit dem er sich identifizierte, weil er sich wie dieser verbannt sah, und befahl nun dem Knaben, die wichtigsten Punkte dieser Vita auf wenigen Seiten zusammenzufassen; er ging davon aus, dass Klein-Andrew eine solch schwierige Aufgabe nicht meistern würde, so dass er ihn dann noch strenger bestrafen könnte. Weit gefehlt, du mieser Aufseher! Denn der Knabe lieferte unter der Überschrift “A Little Bit About Ovid” ein Meisterwerk. Und das Besondere war: Es standen neue Erkenntnisse darin, welche die Forschung hätte aufhorchen lassen müssen. Die eine bezog sich auf die immer wieder neu gestellte, aber nie befriedigend beantwortete Frage, warum Ovid verbannt war. Dazu aber nun der achtjährige Klein-Andrew: “One day, well nobody quite knows what happened but I think that he wrote a book called the art of love and the Emperor Augustus didn’t like it or he saw the princess having a bath or the Empress herself having a bath. So Augustus called Ovid to his office and told him crossly that he had to go to the black sea and stay there for the rest of his life.” Jawohl, DAS muss es gewesen sein! Ovid sah Livia im Swimmingpool, vermutlich in ihrem aufreizenden Bikini, den Augustus bekanntlich überhaupt nicht leiden konnte, weil der schlüpfrige Tiberius ihn der Mama geschenkt hatte! Das ist die einzig sinnvolle Erklärung! Sensationell! Und da ist noch etwas. Klein-Andrew zitierte aus einem der elegischen Briefe, ich glaube, es ist Epistulae ex Ponto 8,6,16 ad amicos: “Dear friends can’t you get the Emperor to change his mind about this stupid idea? All the best from your friend Naso”. Und jetzt haltet Euch fest: Klein-Andrew zitierte auch die Antwort: “Dear Ovid we can’t help you we have tried and tried but the Emperor won’t change his mind good luck Ovid we hope to see you again some day. Love from your best friends”. Unfasslich! Von Antworten auf die Exilepisteln war nie etwas bekannt! Wo hatte der Knirps die her? War er mal nach Oxford gewandert, hatte sich in die Bodleian geschlichen und da einen bis heute unveröffentlichten Papyrus entdeckt? Wir wissen es nicht. Denn Klein-Andrews “A Little Bit About Ovid” war bis vor Kurzem verschollen und ist jetzt erst von Andreas Heil, dem Vortragenden des 8.6.16, wiederentdeckt worden – wie, wird er uns dann erzählen. Jedenfalls war er von dem Fund so fasziniert, dass er seinen Vortrag, der vorher einen ganz anderen Titel hatte, mit einer tiefen Verbeugung vor seinem englischen Namensvetter und latinistischen Kollegen in “Ein klein wenig zu Ovid und Dante” umbenannte. Und was verbirgt sich nun unter dieser Überschrift? Der endgültige Nachweis, dass Klein-Andrew mit der Empress in the bath recht hatte? Die erstmalige Präsentation einer bisher unbekannten Szene aus Dantes Inferno, in der der Dichter mit Ovid über dessen Verbannung spricht? Tja, Sie/Ihr müssen/müsst halt zu Andreas Heils Vortrag kommen, dann werden/werdet Sie/ihr es erfahren. Seine Diskussionsleiterin Regina Höschele ist jedenfalls so gespannt auf “Ein klein wenig zu Ovid und Dante”, dass sie nicht nur extra zu dem Vortrag nach München geflogen kommt, sondern überdies ihren erst vor wenigen Monaten geborenen Sohn Daniel (von dem man munkelt, er arbeite bereits an “A Little Bit About Dante”, und zwar zweisprachig Englisch/Französich, weil er ja in Kanada geboren ist) zusammen mit Papa Peter am 8.6. nach Spanien schickt, damit sie sich ganz und gar Andreas Heils Vortrag widmen und herausfinden kann, welche Rolle Livias Bikini bei Ovids Verbannung gespielt haben könnte. Also, sind Sie/seid Ihr nun auch total gespannt? Dann nur herbei! Es wird ohnehin der erste Vortrag im zweiten Vierteljahrhundert PSMS sein, und das ist ja allein schon was!