Vortrag am 03. Februar 2016

89-141ED4D5FCE41A9B718PD Dr. Alfred Breitenbach (Universität zu Köln)

“Insulsus poet? Das Programm des Epigrammatikers Luxorius”

Diskussionsleitung: Dr. Sven Lorenz (München)

03.02.2016, 19:15 Uhr, Lyrikkabinett München

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der PSMS,

die unendlich lange Geschichte des europäischen Epigramms von der Inschrift auf dem Nestorbecher bis zu Limericks und alpenländischen Gstanzln hat auch einen Vertreter der Gattung aufzuweisen, dessen zwei Meisterwerke nach wie vor zu wenig gewürdigt sind. Trimalchio. Klar, jeder kennt (Kap. 34,10) “eheu nos miseros, quam totus homuncio nil est! / sic erimus cuncti, postquam nos auferet Orcus. / ergo vivamus, dum licet esse bene.” Jeder aber rümpft auch die Nase darüber. Dabei ist doch allein schon das Wortspiel mit “esse” = 1. sein; 2. essen  absolut genial! Weniger bekannt ist das andere( Kap. 55,3):  “quod non expectes, ex transverso fit / et supra nos Fortuna negotia curat / quare da nobis vina Falerna, puer.” Daran ist sogar höchst genial, dass beim ersten Hexameter – Trimalchios Distichen bestehen aufgrund von unübertrefflich ausgebufftem Dekonstruieren stets aus zwei Hexametern und einem Pentameter – die zweite Kürze des fünften Versfußes zusammen mit dem ganzen sechsten Versfuß fehlt und im zweiten Hexameter die erste Länge des ersten Versfußes. Gibt es noch irgendetwas Spießbürgerlicheres und Abgeschmackteres als die Ergänzungen in spitzen Klammern, welche die Ausgaben vorzunehmen pflegen? Wie kann man nur an zwei epochalen Kunstwerken so herumschlimmbessern? Der Heinsius und seine Nachfolger sollten sich was schämen! Trimalchio hat beschlossen, das hohe literarische Niveau seiner beiden Epigramme, von denen das erste doch immerhin im Lateinunterricht der bayerischen Gymnasien gelesen wird – und dann kann es doch nicht schlecht sein -, beim nächsten Vortragsabend der PSMS ausführlich darzulegen. Aber ob zu einem Vortrag allein darüber wirklich Leute kämen? Es scheint besser, erst einmal zwei prominente Epigrammforscher aufmarschieren zu lassen, den einen als Vortragenden, den anderen als Moderator, und dann einfach in der Diskussion alles abzuwürgen, was sich auf den Vortrag bezieht, um nur noch über 34,10 und 55,3 zu reden. Also, der Vortragende wird ZPE-Mitherausgeber Alfred Breitenbach aus Köln sein, der in der Szene durch seine Arbeiten über Ps.-Senecas Epigramme bekannt wurde, und der Moderator Sven Lorenz, dessen zahlreiche Martial-Arbeiten in Deutsch und Englisch jetzt schon Klassiker sind. Trimalchio hat Alfred deshalb als Vortragenden eingeladen, weil dieser sich bereit erklärt hat, über einen Epigrammatiker zu sprechen, der noch mehr unterschätzt wird als der Epigrammatiker Trimalchio: Luxorius. Schon die Bezeichnung dieses Dichters als “nordafrikanischer Martial” hat irgendwie etwas Abschreckendes – man denkt ja unwillkürlich an Gaddafi, Timbuktu und Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah! Aber nicht an edle lateinische Poesie! Und wann hat er gelebt und geschrieben und wo? Im frühen 6. Jahrhundert erst – o Gott, das wird was sein! Noch dazu unter den letzten Vandalenherrschern Thrasamund, Hilderich und Gelimer in Karthago! Und wenn man bei Wikipedia etwas über ihn wissen will, gibt’s das nur auf Englisch, und das Stichwort kommt bei Google erst nach Einträgen zu “luxurious”, z.B. “luxurious cars”. Übersetzt ist er auch nur lingua Britannica, immerhin zuletzt in einer amerikanischen Bilingue von 2012 (Art Beck). Was, Sie wollen/Ihr wollt, das nun auch Alfred mitsamt seinem Hadschi Alef ausgeladen und statt dessen wieder Michael Hotz als Vortragender gebeten wird, nachdem er am 13.1. derart brilliert hat und es so rappelvoll war, dass per Bildschirm auch ein Publikum auf der Amalienstraße, für das im Lyrikkabinett kein Platz war, bedient werden musste? Nix da! Allein schon, damit Trimalchio anschließend mit überschnappender Stimme seine beiden Meisterwerke verteidigen kann, MUSS der Luxorius-Vortrag stattfinden! Und überhaupt sind an Trimalchios Tafel auch und gerade Autoren willkommen, die weniger bekannt sind. Wer weiß, vielleicht ist Sven, der Moderator, vom nordafrikanischen Martial so begeistert, dass er gleich in der nächsten Auflage von “Legamus” für die Neunte alle Epigramme des römischen Martial durch Luxorius-Texte ersetzt und sich dann gleich auch an eine Luxorius-Tusculum-Übersetzung macht! Man kann nie wissen! Immerhin ist der Luxorios schon wenigstens einmal in einem Gstanzl, also der bedeutendsten Untergattung des europäischen Epigramms, rezipiert worden; der Text fehlt unter den Luxorius-Testimonien in der amerikanischen Bilingue und wird deswegen hier zitiert: “Ja, da Luxorius is koa Vandale / und a Hadschi issa aa ned, / i wer’s eich scho beweisn, / i vo Breißn, da Alfred.” Damit der Alfred diesen Beweis auch wirklich führen und auch das Gstanzl erstmals öffentlich gesungen werden kann, kommen Sie/kommt bitte wieder in Scharen, zumal diesmal wieder genügend Bier da sein wird.

Verspricht
Ihre/Eure PSMS
P.S. Stop, hier ist ja noch ein zweites Rezeptionsdokument – natürlich ned so schee wia des Gstanzl:
“There was Old Luxorius from Carthage
whose Vandal king was a savage.
He said: “My first poem
that will be my proem
and I write in the late Latin language.”

Vortrag am 13. Januar 2016

800px-La_scuola_di_AteneOStD Michael Hotz (Wilhelmsgymnasium München)

“Raffael und die Philosophen. Oder: Wie verbrate ich das genialste Bild der Welt im Lateinunterricht?”

Diskussionsleitung: Maria Anna Oberlinner (LMU München)

13 Januar 2016, 19:15 Uhr, Lyrikkabinett München

 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der PSMS,

Trimalchio besitzt ein Gemälde, welches so kostbar ist, dass er es mit einer besonders effizienten Alarmanlage versehen ließ; ein fahrender Kunsthändler verkaufte es ihm einst für mehrere Millionen Sesterzen. Man sieht einen zentralperspektivisch konstruierten, monumentalen Innenraum, indem eine Art Versammlung von Personen mit vertrauten Gesichtern stattfindet. Der Raum ist von einem hohen Tonnengewölbe überdacht und öffnet nach hinten den Blick ins Freie. Es könnte sich um das Interieur eines antiken Tempels handeln, aber irgendwie denkt man auch an den Petersdom. In den hohen Nischen der Wände des Seitenschiffs bzw. der das mittlere Tonnengewölbe rahmenden Gewölbepfeiler, dem Betrachter zugewandt, überragen riesige Marmorfiguren des Musagetes Apollon auf der linken  und der Weisheitsgöttin Athene auf der rechten Seite die Szenerie. Die versammelten Personen stehen größtenteils auf der obersten von drei Treppenstufen; einige auch links und rechts vor der Treppe, nur wenige sitzen. Trimalchio, der natürlich wie weiland Marschall Tito und Fürscht Rainier ein mit der modernsten Technik ausgestattetes Heimkino besitzt, kennt die Gesichter sämtlicher Personen, angefangen mit Marilyn Monroe, die genau in der Mitte auf der obersten Stufe in der berühmten Haltung von “The Seven Year Itch” neben James Dean steht, Chaplin, die Bardot, Elvis, Sean Connery, Marlon Brando, ja sogar Rainer Werner Fassbinder, der einstige Klasskamerad von PSMS-Fan Werner Stadler, gleich links daneben, dann die Garbo, die grad vergeblich “I vant to be alone!” sagt, Clark Gable, der zum Atlanta-Kuss mit Vivian Leigh ansetzt und weitere. Also Popstars, und keiner fehlt, auch nicht E.T., Donald Duck, Hitch mit einem seiner birds, Ginger und Fred, natürlich tanzend, Indiana Jones, die Machete schwingend. Und ganz vorne sitzt, mit dem Rücken zum Betrachter, auf dem Regisseurstuhl und in die Flüstertüte sprechend, ein Landsmann Trimalchios, der ihn einmal in einem seiner Filme als Star auftreten ließ: Federico Fellini, der offenbar die ganze Versammlung inszeniert hat. Als Kunstkenner glaubt Trimalchio auch zu wissen, dass es eine Vorlage für sein kostbares Gemälde gibt: das Cover auf dem achten Beatles-Album “Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band”, wo die berühmten Vier in der Mitte einer Menschengruppe stehen, und wieder sind z.B. Marilyn und Marlon dabei. Tja, das glaubt Trimalchio. Aber inzwischen wurde er eines Besseren belehrt. Als er letztes Jahr am Faschingsdienstag am Schottengymnasium in Wien einen Vortrag über antike Mythologie hielt und den Gastgebern gegenüber mit seinem Bild prahlte, sagte man ihm, bald werde ein Vortragender aus dem berühmten München kommen, der nette Oberstudiendirektor Michael Hotz, und der werde über ein Gemälde reden, welches das wahre Vorbild von Trimalchios kostbarem Gemälde sei: Es zeige im selben Ambiente wie dieses nicht Popstars, sondern griechische Philosophen! Trimalchio, selbst ein bedeutender Philosoph, durch sein eigenes “Gastmahl” so berühmt wie Platon, war sofort heftig an Michaels Vortrag interessiert, setzte sich mit ihm in Verbindung – und gewann ihn für einen PSMS-Abend! Hier ist das Eppschtreckt des Vortrags mit dem Titel “Raffael und die Philosophen oder: wie verbrate ich das genialste Bild der Welt im Lateinunterricht?”: Raffaels „Schule von Athen“ ist vermutlich eines der bekanntesten Bilder der Welt. Als Teil eines hochelaborierten, auf antikem Gedankengut basierenden künstlerischen Gesamtkonzepts kann es Schülerinnen und Schülern einen faszinierenden Zugang zur antiken wie zur Welt der Renaissance eröffnen, da es über die rein kunstgeschichtliche Analyse hinaus eine Fülle von Anknüpfungs­punkten gerade auch für den Lateinunterricht bietet. So versucht der Vortrag aufzuzeigen, welche vielfältigen fachlichen und didaktischen Möglichkeiten sich – sei es im Rahmen eines kompetenzorientierten, fächerübergreifenden oder projektorientierten Unterrichts, sei es als Ausgangspunkt für eine Einführung in die antike Philosophie, sei es als Gegenstand einer Lektüresequenz oder  eines (W-)Seminars – bei der Beschäftigung mit diesem Schlüsselwerk der abendländischen Kunst ergeben. Also, das klingt doch wirklich gut (auch wenn Trimalchio, zu einer Zeit zur Schule gegangen, als die ganze Pädagogik aus Maulschellen bestand, kein Wort von dem Fachjargon versteht), ist als Auftakt für das Jahr, in dem die PSMS ihren 25. Geburtstag feiern wird, optimal geeignet, UND es wird mal wieder Vorstandsmitglied Maria Anna Oberlinner durch den Abend geleiten, von der Vorstellung des Vortragenden, dabei vielleicht von dessen Sohn Max auf der Gitarre begleitet (“O Mi-chi Hotz, o Mi-chi Hotz …”), über die Diskussion bis zum kalten Büfett. Alles spricht folglich dafür, dass Sie/Ihr in Massen erscheint.

Findet jedenfalls, alles Gute zum Neuen Jahr wünschend,
Ihre/Eure PSMS