Vortrag am 15. April 2015

Dr. Philip Haas (Philipps-Universität Marburg): Machiavelli_AF

“Naso magister erat: Niccolò Machiavelli und die Ars Amatoria

Diskussionsleitung: Martin Schrage (München)

15. April 2015, 19:15 Uhr, Lyrikkabinett München

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der PSMS,

während der Renaissance wurde den wiederentdeckten antiken Autoren vom Unterweltsherrscher gestattet, für kurze Zeit aus dem Elysium in unser Jammertal zurückzukehren, um vor Ort zu sehen, wie heiß begehrt ihre während des Mittelalters zum Teil verschollenen Werke auf einmal waren. Bei Ovid ergab es sich, dass er auch nach Florenz kam und beim Stöbern in einer Buchhandlung auf das Buch eines gewissen Niccolò Machiavelli mit dem Titel “Il principe” stieß. Da er ein besonders schlauer Kerl war – Robin Nisbet sagte einmal: “I would not dare emend Ovid – he is too clever” -, begriff er sofort, dass sich die beiden Wörter aus “Ille princeps” entwickelt hatten; schließlich hatte er ja sogar einmal “Getice Sarmaticeque loqui” gelernt, was wirklich alles andere als leicht war. Also übersetzte er “Der berühmte Princeps” und dachte deshalb natürlich erst einmal, seiner sei gemeint, also der, der ihn u.a. wegen der Ars amatoria nach Tomi am Schwarzen Meer verbannt hatte (was übrigens Heinz Hofmann immer noch nicht glaubt, sondern – halt Dich fest, Werner! – für die Fiktion eines Ich-Sprechers hält!). Beim mühsamen Lesen seines arg vulgarisierten Latein fand Ovid dann aber heraus, dass es hier nicht speziell um Augustus, sondern um den für Machiavelli idealen Princeps gehe und stellte mit Verblüffung fest, dass diesem Machtherrscher zur Wahrung der Staatsräson erlaubt sei, die Gesetze der traditionellen Moral zu verletzen, ja sogar, seine politischen Ziele mit Gewalt und Terror durchzusetzen. “Eheu”, sprach er da zu sich, “gegen diesen Princeps ist meiner, der Schlächter von Perusia, der mir unerbittlich zürnende Jupiter, er, der meinen Meister Cornelius Gallus in den Selbstmord trieb und auch sonst so allerlei anrichtete, eine wahre Mutter Theresa!” Und je vertrauter Ovid dann mit dem Text wurde – irgendwie faszinierte ihn, was er da las, da es doch von dem, was er z.B. in Ciceros De officiis über das Verhältnis von “honestum” und “utile” gefunden hatte, nicht unerheblich abwich und er ja viel Sinn für das “Andere” hatte -, und irgendwann bemerkte er etwas, was denn doch der Knaller war: Dieser Autor hatte einzelne Stellen aus der Ars amatoria, durch die Ovid doch seinen “Principe” erzürnt hatte, als ipotesti in seinen discorso eingebracht, ja wahrhaftig das erotische Lehrgedicht als eine der Quellen für seine politische Lehrschrift benutzt! Der Mann war ja wirklich genauso skrupellos wie sein Principe! Okay, klar – Ovid hatte bei einer der öden Heldenshows des geschwätzigen Anchises, die Elysiumsbewohner auf Befehl Plutos und Proserpinas einmal pro Woche über sich ergehen lassen müssen, auch die Seele eines Mannes kennengelernt, der eines Tages als Siegmund Freud die Erde betreten werde und von ihm erfahren, dass “Machtstreben” und “Libido” aus derselben Ecke kommen (wobei Freud ihm kichernd verriet, dass seine Fans das zweite Wort idiotischerweise auf der drittletzten Silbe betonen würden, weshalb Ovid sich vor Lachen beinah ganz unelysiumhaft in die Hosen machte – “Publius paene in bracas minxit”, wie der Beispielsatz für den Realis im Rubenbauer-Hofmann heißt – und die in der Heldenshow gerade mitmarschierende Seele des künftigen Walahfridus Grammaticus vor Heiterkeit über einen so absurden Aussprachefehler richtig losbrüllte, noch dazu mit schwäbischer Färbung des Ha-Ha!). Ja, das wusste Ovid nun, aber eigentlich hatte er seine Ars amatoria mehr als literarischen Witz verstanden … Nun denn – die Fragen, mit denen er sich angesichts der Intertextualität von “Il principe” (und übrigens auch anderen Werken Machiavellis) mit der Ars konfrontiert sah, würden, wie er bei einer weiteren Heldenshow erfuhr, durch den künftigen PSMS-Vortragenden Philip Haas von der Philipps-Uni beantwortet werden, und so erwirkte Ovid bei Pluto und Proserpina für den 15.4.2015 einen weiteren Urlaub (zum Glück war grad für diesem Tag mal wieder Heldenshow angesetzt, so dass Ovid nach 500 Jahren endlich wieder schwänzen konnte), bei dem er dann auch den netten Diskussionsleiter Martin Schrage wiedersehen würde, der im Heldenpulk einmal neben Thukydides marschiert war und ihn wegen seiner auf Erden zu schreibenden Diss über den Historiker ausgequetscht hatte. Also, außer Philipp, dem Ovid- und Machiavelli-Spezialisten und seinem Moderator Martin, einem der letzten Griechischlehrer, der den Thukydides noch rausbringt, wird diesmal sogar – wenn auch unsichtbar – Ovid zugegen sein (und sicher einen Batzen unsichtbarer Sesterzen in Heikes Sammelkorb legen). So dürfen wir denn wieder mit einem interessanten Vortragsabend rechnen, und dazu lädt ganz herzlich ein

Ihre/Eure PSMS