Vortrag am 14. Januar 2015

Prof. Dr. Thomas Gärtner cattura_003a(Universitäten Köln und Osnabrück)

“Ambrogio Fracco – Ein vergessenes Antwortcorpus zu den ovidischen Heroidenbriefen”

Diskussionsleitung: Caroline Hähnel, M.A. (LMU München)

Lyrikkabinett München, 14. Januar 2015, 19:15 Uhr

 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der PSMS,

als römischer Patriot ist Trimalchio besonders stolz darauf, dass seine Nation im Bereich der Epistolographie im Gegensatz zu den sonst so übermächtigen Griechen Texte von wirklich weltliterarischem Rang hervorgebracht hat, also die Briefsammlungen des Cicero, Horaz, Ovid, Seneca und Plinius d.J. Es gibt allerdings ein Briefcorpus, das er für noch weit bedeutender hält als die genannten Corpora: Ludwig Thomas “Briefwechsel eines bayrischen Landtagsabgeordneten”. Diese besondere Vorliebe erklärt sich allein schon daher, dass gleich im ersten Brief Josef Filsers – so heißt jenes schreibgewandte MdL  aus Kaisers Zeiten – der würdige Vorfahre eines der treuesten Besucher der PSMS-Vortragsabende, des ehrenwerten Studienreferendarius Leopold Haimerl, hervorgehoben und einer anderen Person vorgezogen wird; die einschlägige Stelle sei hier zitiert: “Libe Mari”, schreibt Filser an seine Frau, “gib obacht auf die Schallmoser Kuh, obst nichts am Eider findst und wenn Zau fett is, gibs dem Mezger Haimerl aber nicht dem Lechner Kaschbar, weil er mich beschiesen hat.” Nein, gegen so etwas kommen die Epistulae morales natürlich nicht an, ja nicht einmal die Epistulae obscurorum virorum (die allerdings in Trimalchios Hitparade der Epistolographie unangefochten Rang 2 behaupten)! Um so erstaunlicher ist, dass, soweit Trimalchio weiß, bisher noch niemand Antworten auf Filsers Perlen der Briefschreibekunst verfasst hat! Gut, die Filser Mari dürfte zu gschamig sein, selbst zu schreiben, aber der Dorfschulze von Mingharding hätte ihr die Feder führen können oder, wenn der nicht, dann der von Babensham bzw. der einzig wirklich Gscheite in diesem Ort, der Doktor! Nun denn, freuen wir uns, dass Ovid für die ersten 15 seiner Heroidenbriefe, die sicherlich ihrerseits zu den faszinierendsten Literaturprodukten der Antike gehören, schon zu Lebzeiten einen Antworter fand, den in Amores 2,18 genannten Sabinus (an dessen Existenz natürlich die überpeniblen, nörgelnden Altphilologen zu zweifeln wagen, diese Wichtigtuer, die allen Ernstes ein fiktionales Ich von dem des realen Autors trennen!!!) und in späteren Jahrhunderten weitere. Einen von ihnen, Ambrogio Fracco, wird Thomas Gärtner, der mit Naso gemeinsam hat, dass auch er sehr viel schrieb (und schreibt) – aber darüber verrät uns dann seine charmante Moderatorin Caroline Hähnel etwas -, uns vorstellen, und natürlich sind wir gespannt, ob wenigstens Ambrogio mit dem Filser Josef aus Mingharding mithalten kann. Okay, Ambrogio schreibt, wie Trimalchio vermutet – er gesteht, dass er nichts über den Mann weiß, aber deshalb hat er ja den Gärtner Thomas eingeladen -, auf Lateinisch, und da hat er ein gewisses Plus. Wirklich, hat er das? Heroidenbriefe hat es ja auch auf Deutsch gegeben, z.B. von dem trefflichen Barockpoeten Christian Hofmann von Hofmannswaldau. Bei dem hat ein in türkischer Gefangenschaft schmachtender teutscher Graf (nein, kein Vorfahre des Grafen Gries, eines anderen Getreuen der PSMS) das Problem, dass sich zwar die Sultanstochter in ihn verliebt und ihm unter der Voraussetzung, dass er sie als seine Ehefrau mit heimnehme, die Freiheit verspricht, er aber daheim bereits eine Ehefrau hat. Dennoch, nicht faul, schreibt er seiner Gattin einen Brief, indem er ihr eine Menage à trois vorschlägt. Und was erwidert die brave Gattin? Unter anderem dies: “Was aber schreibest du und trachtest itzt zu wissen / Ob die ErlösungsArth mir auch verdrießlich fällt? / Wie solt ich nicht die Hand zu tausendmahlen küssen / So mir mein Bette füllt und dich in Freyheit stellt? / Ich will sie warlich nicht nur vor ein Weib erkennen / Die bloß in Fleisch und Bluth wie ich und du besteht / Ich will sie ungescheut stets einen Engel nennen / Der nur zu unserm Schutz mit uns zu Bette geht.” Na, Donnerwetter! Man stelle sich vor, ein Bundeswehrsoldat, der auf einem türkischen NATO-Stützpunkt dient und aus irgendeinem Grund Ärger mit der einheimischen Justiz bekommt, träte per e-mail mit einem analogen Ansinnen an seine in Deutschland gebliebene Frau heran! Die würde ihm die kuriose Idee mit dem flotten Dreier und dem Schutzengel aus Ankara schön um die Ohren hauen (“Du Saubär!”) und sich gleich von Traudl Gruschka wegen einer Scheidung beraten lassen! Wie man sieht, sind wir gar nicht so modern und liberal und offen für alles, wie wir immer meinen. Um so mehr sollten wir uns mit älteren Texten und speziell mit Antwortbriefen früherer Zeiten beschäftigen. Dazu gibt uns Thomas aus Köln beste Gelegenheit, und so empfehlen wir, danach wie immer mit einer üppigen Party aufwartend, dringendst, wieder bei uns vorbeizuschauen.

Ihre/Eure allen ein gesundes und erfolgreiches 2015 wünschende
PSMS

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