Vortrag am 19. November 2014

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PD Dr. Melanie Möller (Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg)

“Excucurristi a Neapoli: Vergil, Augustus und die Kunst des Verschwindens”

Diskussionsleitung: Prof. Dr. Susanne Gödde (LMU München)

Lyrikkabinett München, 19.11.2014, 19:15 Uhr

 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der PSMS,

Trimalchio liebt Rätsel und freut sich, dass Melanie Möller ihn mit ihrem Vortragstitel vor eines gestellt hat. So, so, rätselt er, Vergil und Augustus hätten also die Kunst des Verschwindens beherrscht. Aber was meint Melanie da nur? Von Vergil weiß Trimalchio nur, dass dieser, wenn er auf der Straße gesehen wurde, den ihm nachdrängenden und auf ihn zeigenden Leuten sich durch die Flucht in das nächstgelegene Haus entzog (se subterfugit in proximum tectum). Aber das ist vielleicht nur ein Wandermotiv. Denn eine solche Art von Verschwinden ist bis in jüngere Zeit nachzuweisen, bis zu dem großen Vergilianer und bisher großzügigsten Mäzen der PSMS, dem vor fünf Jahren verstorbenen Karl Bayer; dieser berichtet in seiner lateinischen Autobiographie von folgendem Verschwinden seiner Person: Wenn er kurz nach dem Kriege in München auf dem Schwarzmarkt (in foro nigro) gesehen worden sei, habe er sich den ihn verfolgenden und ihm etwas verkaufen wollenden Leuten in die nächste Trambahn entzogen (se subterfugit in proximum curriculum electricum). Doch wie steht es mit der Kunst des Verschwindens bei Augustus? Trimalchio weiß nur, dass vor vielen Jahren irgendeine Dissertation mal behauptet habe, der Kaiser sei ab und zu in der Mittagszeit im Wald von Aricia verschwunden, und das in der Tat so kunstvoll, dass es ewig niemand merkte. Was aber tat Majestät daselbst? Die Dissertation fand es durch geniale Interpretation einer Stelle in Ovids Fasti heraus: Dort heißt es in 4,762, Faunus veranstalte zur Mittagszeit immer seine Open-Air-Siesta und “drücke dabei den Acker” (premit arva). Ja, was gibt’s denn da zu “drücken”? Nein, nicht DAS, nicht DABEI! Das phantasielose OLD sagt unter premo 14 einfach “to put one’s weight on, lie”. Aber könnte da nicht bei einem so lasziven Burschen wie Faunus während der Siesta eine Person zwischen ihm und Acker liegen, bei der’s wirklich was zu “drücken” gäbe, halt per Umarmung und Hanky-Panky, z.B. eine puella? Zumal für antike puellae nicht selten die Metapher “Acker” verwendet wird, sogar einmal von Antigone über sich selbst (soweit Trimalchio sich erinnert)? Könnte hier also von Open Air Sex die Rede sein? Nach Ansicht jener Dissertation trifft genau dies unbedingt zu, und da Faunus Hörner hat und Augustus im Sternzeichen des Steinbocks geboren ward, ist natürlich in Wahrheit er gemeint, ja, und noch dazu ist es eine ihr Gelübde brechende Vestalin aus dem Kloster Aricia, auf die Augustus da das ganze Gewicht seiner imperialen Herrlichkeit drückt. Aber natürlich darf so etwas niemand tun – der Gedrückten und Beackerten droht, wenn’s rauskommt, Vergrabung bei lebendigem Leibe -, und ein Kaiser mitsamt dem Gewicht seiner leges Iuliae schon gar nicht. Doch der freche Naso (der offenbar zufällig einmal mit einer anderen Vestalin vom Kloster nebenan in denselben Wald kam und so, ohne es  – als ein wahrer Aktäon! – zu wollen, Majestät beim höchst unmajestätischen Ackern erblickte) enthüllt das unerwartet Gesehene so über-, über-, überdeutlich – meint jedenfalls die Dissertation – vor aller Welt, dass man sich nicht zu wundern brauche, wenn Augustus ihn sofort nach Lektüre von Fasti 4,762 in das Kaff Tomi am Schwarzen Meer verbannte. Gut, dass die Religionsspezialistin Susanne Gödde die Melanie moderiert, so dass wir sie fragen können, ob sie der Dissertation und speziell dem, was da über die Kunst des Mit-einer-Verstalin-im-Wald-Verschwindens gesagt wird, Glauben schenkt. Andererseits wissen wir ja noch gar nicht, wie Vergil und Augustus bei Melanie verschwinden. Und Trimalchio findet, es sollten möglichst viele Freunde der PSMS, statt im Wirtshaus oder im Wald von Aricia zu verschwinden, zu Melanies Vortrag kommen, um das Rätsel, vor das sich nicht nur Trimalchio gestellt sieht, gelöst zu bekommen. Außerdem ist ja danach noch die “Petronian Party” mit all den guten Sachen, die Julia Piricula kunstreich von den Regalen des NETTO hat verschwinden lassen, um sie dann mit  PSMS-Spendengeld einzukaufen, und bei deren leckerem Anblick der Gedanke an Verschwinden besonders fern liegt. Also, zu Vortrag und Party lädt wieder sehr herzlich ein

Ihre/Eure PSMS