Vortrag am 18. Juni 2014

Prof. Dr. Gerard Boter (Vrije Universiteit Amsterdam)320px-Epicteti_Enchiridion_Latinis_versibus_adumbratum_(Oxford_1715)_frontispiece

“Plädoyer des sokratischen Philosophen Epiktet für ein vereinigtes Europa”

Diskussionsleitung: Prof. Dr. Peter Bing (Emory University)

18. Juni 2014, 19:15 Uhr, Lyrikkabinett München

Sehr geehrte Damen und Herren,

Trimalchio hat das ewige Saufen und Fressen und das Dritte wieder einmal über und braucht dringend erbauliche philosophische Unterweisung. Als er nun neulich in Vicenza weilte, um Palladio zu bitten, ihm ein weiteres Triclinium zu bauen, erfuhr er, der sokratische Epiktet habe dort im Teatro Olimpico seine Lehre verkündet – und leicht fasslich für jedermann noch dazu, was Trimalchio besonders gut fand. Also schickte er ihm einen reitenden Boten gen Amsterdam, wo Epiktet alias Gerard Boter zur Zeit eine Philosophieprofessur an der VU hat. Und Epiktet ließ ihn wissen, er sei gerne bereit zu kommen, um ein Plädoyer für ein vereinigtes Europa zu halten. Trimalchio war verblüfft. Denn vor etwa einem halben Jahr war einer aus Belgien dagewesen, Hercule Poirot alias David Engels, und der hatte anhand von analogen Texten zum Untergang der römischen Republik eine Krise der Europäischen Union bedrohlich an die Power-Point-Leinwand des Lyrikabinetts geworfen. Eheu, sprach Trimalchio, ja gibt’sn des! Zwei Königreiche direkt nebeneinander, das eine mit der einen Hälfte des anderen dieselbe Sprache sprechend (wenn auch nicht in Hercule Poirots Hälfte, aber dort liegt immerhin die Hauptstadt der EU!), beide zu der kleinen Schar der EWG>EU-Gründungsländer gehörend, schicken uns sukzessive je einen prominenten Untertanen, und die beiden sind sich irgendwie uneins über die Staatengemeinschaft des Kontinents, der nach der einst durch den allerobersten Stier vom phönizischen Strande nach Kreta entführten und da hochheilig besprungenen (“Muh, Muh!”) Königstochter benannt ist. Ja, und jeder, der Bataver und der Nervier, beruft sich auf das klassische Altertum. Doch das wiederum erfreut Trimalchios Herz, weil so denn doch deutlich wird, wie wichtig die Alten Sprachen sind und dass Europa das gefälligst anerkennen müsse und deshalb bittschön wieder viele schöne Lateinlehrerplanstellen schaffen soll, besonders für die eifrigen Helfer und Helferinnen bei den Vorbereitungen für die Cena Trimalchionis alias Petronian Party. Schließlich kommt als Diskussionsleiter für Epiktets Europa-Plädoyer ein hoher Gast direkt aus Amerika (nein, nicht aus Amerina, lieber Matthias!), nämlich Kallimachos alias Peter Bing, der in Atlanta an der Emory University lehrt (keine Angst, er spricht perfekt Deutsch). Der weiß noch dazu, wie unbedingt notwendig ein einiger Staatenbund ist, da die Stadt, in der er lehrt, einst während der Uneinigkeit der États-Unis ziemlich zsammgschossn wurde, so dass Scarlett und Rhett sich eilends vor dem Hintergrund eines blutigroten Himmels nur einmal unsterblich küssen durften, also in ihrer Panik auf Rhetts toller Kutsche an mille, deinde centum, dein mille altera, dein secunda centum, dein usque altera mille, dein centum nicht einmal denken konnten und schon gar nicht ans anschließende conturbare, zu Deutsch “Durcheinanderbringen” … halt, jetzt sind wir selbst ganz durcheinander. Wo waren wir stehengeblieben? Ach, egal. Es wird jedenfalls ganz sicher ein wunderbarer amerikanisch-europäisch-kanadisch (wieso denn sogar das? Ach, auch egal!)–niederländisch-oberbayerischer Abend, und dazu lädt wieder herzlich

Ihre/Eure PSMS

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