Vortrag am 18. Juli 2012

Professor Dr. Ursula Gärtner (Universität Potsdam):

“Sich mit fremden Federn schmücken:  Überlegungen zu Phädrus und seinen Fabeln”

Diskussionsleitung: Dr. Stefan Merkle (LMU München)

18.07.2012, 19:15 Uhr, Lyrikkabinett München

 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der PSMS,

als “Petronian Society Newsletter” im Heft von 1991 die Gründung der PSMS bekannt machte (“Like IBM, BMW, Glaxo, Bayer, Holiday Inn and other successful giants, the Petronian Society is pleased to break the news of its expansion via franchizing”), wurde das bildlich dadurch demonstriert, dass das Cover einer Phaedrus-Bibliographie als des ersten wissenschaftlichen Produkts der Gruppe beigegeben war. Was der Dachverband in den USA nicht wusste: Phaedrus hatte den direkten Anlass zur Gründung der PSMS gegeben. Über den Fabeldichter wurde nämlich im September 1990 in Marktoberdorf ein Vortrag gehalten, der ein denkbar negatives Bild von der literarischen Leistung des Fabeldichters zeichnete. Barbara Leininger, die zähneknirschend zugehört hatte, kam empört nach München zurück und schlug nach dem Motto “Dem Manne kann geholfen werden” vor, man müsse eine alternative Gruppe von Altphilologen gründen, in der nicht dauernd im schwarzen Anzug die Klassiker angebetet, sondern in Jeans und unter Verzicht auf das ganze akademische Hierarchie-Larifari die ewig missachteten Autoren nach modernen, an der angloamerikanischen Altphilologie geschulten Methoden untersucht würden. Und es müssten ohne das übliche Gastvortrags-Getue papers mit Altphilologen aus aller Welt organisiert werden, die das neue Konzept begrüßten. Beide Ideen wurden verwirklicht. Die PSMS veröffentlichte ohne Anzapfen von Drittmitteln oder DFG und sonstige exzellente Großoffensiven Sammelbände, die – wie zuletzt der über die Appendix Vergiliana – immerhin in Angelsachsen Beachtung fanden. Und es wurden seit Mai 1991 regelmäßig “alternative” Vorträge veranstaltet. Ja, und mit dem, den Ursula Gärtner halten wird – bereits Nummer 148! (es sind nun doch Drittmittel für die Feier zum 150. Vortrag am 14.11.12 beantragt, nämlich bei dem steinreichen Feuerlöschlappenhersteller Echion) -, wird nun auch endlich, auf dass Barbara Leiningers Konzept voll und ganz verwirklicht werde, …. ja, endlich, ob ihr’s glaubt oder nicht … aus dem Mund einer auswärtigen PSMS-Sympathisantin der zu Unrecht verachtete Phaedrus zur Sprache kommen. Ursula Gärtner hat in jüngerer Zeit durch mehrere sehr lesenswerte Aufsätze ein neues Kapitel in der Interpretation des Fabeldichters aufgeschlagen. Und sie vollzog schon früh zumindest indirekt den Übergang von der traditionellen deutschen zu einer menschlischen Altphilologie. Denn aufgewachsen als Tochter eines der Großen der Heidelberger Latinistik, Hans Armin Gärtner, erlebte sie in ihrer Kindheit mehrere Besuche des besonders großen Viktor Pöschl. Und dieser Mann aus einer Zeit, in der die deutsche Altphilologie noch den Markt weitgehend beherrschte und Dichter wie Phaedrus verachtete, hielt an Hans Armin Gärtners Tafel keine Vorträge über Vergil oder Horaz, sondern verputzte mit besonderer Vorliebe ein Sahnetörtchen nach dem anderen. Womit er Trimalchio und dem Feuerlöschlappenhersteller Echion sicher besser gefallen hätte als durch Überlegungen zu der Frage, ob die cura-Strophe in c. 2,16 echt ist oder nicht. Ja, Ursula kennt auch die Sahnetörtchen-Seite unseres Faches, und deshalb passt es gut, dass unser Gründungsmitglied Stefan Merkle den Vortrag moderieren wird. Denn der ist auf eine besondere Weise “anders”. Einerseits gehört er zu den scharfsinnigsten Textanalytikern in unserem Bereich und hat speziell über Phaedrus bereits mehrere bahnbrechende Gedanken geäußert. Aber andererseits hat er wiederum mit Sokrates gemeinsam, dass er zwar wie dieser ein exzellenter Lehrer der Jugend ist, jedoch die Verschriflichung seiner wissenschaftlichen Erkenntnisse meidet. So hat auch er schon bei uns einen Phaedrus-Vortrag voller brillanter Beobachtungen gehalten – am 9.12.2009 Sven Lorenz zu ehren -, aber ihn in einen Aufsatz zu verwandeln konnte er sich offenbar bisher nicht entschließen. Vielleicht wirkt ja Ursula Gärtner, die, wie gesagt, einen Artikel nach dem anderen über Phaedrus publiziert, so inspirierend auf Stefan, dass er demnächst mit der Ursula als Moderatorin wieder einen Phaedrus-Vortrag hält und anschließend bald der übrigen Welt Gelegenheit gibt, diesen nachzulesen. Kommt/Kommen Sie also in Scharen, um möglicherweise der Metamorphose des Stefan Merkle von einem Sokrates in einen Eckard Lefèvre beizuwohnen. Allein das würde den Besuch bei uns lohnen.

Meint jedenfalls
Ihre/Eure PSMS