Vortrag am 06. Juni 2012

Prof. Dr. Karlheinz Töchterle (Österreichischer Bundesminister für Wissenschaft und Forschung)

“Die Universität zwischen Exzellenz und Massen –    und wo sind die Geisteswissenschaften?”

Diskussionsleitung: Heike Tiefenbacher (München)

06. Juni 2012, 19:15 Uhr, Lyrikkabinett München

 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Petronian Society,

vor rund einem Vierteljahrhundert sah der heute durch die darin beherbergten beiden Theologischen Fakultäten geweihte rechte Flügel am Hauptgebäude der LMU folgende ausgesprochen heidnische Szene: ein Eingeweidebeschauer und seine ehrfürchtige Gemeinde beugten sich über eine blutige Leber, um diese nach der Zukunft zu befragen. Nein, bei jenem Haruspex handelte es sich nicht um Trimalchio, sondern um Töchterle Tirolensis, Carolushenricus mit praenomen. Dieser hatte sich im Rahmen seines damals gastweise in München gehaltenen Hauptseminars zum Oedipus Senecas, über den er sich habilitiert hatte, durch Valahfridus Grammaticus Monacensis, den damals schon weltberühmten, hautnah lebendigen Lateiner, vom Metzger Schäuferle am Hasenbergl ein Stück Kalbsleber besorgen lassen, um Sen. Oed. 557ff. hautnah lebendig nachzuvollziehen. Dort berichtet Manto ihrem Vater Tiresias, wie beim Opfer eines Stiers dessen Leber (mit ihrer zwei Auswüchse verbergenden Haut) beschaffen gewesen sei und wie, “geheimen Dingen ein Versteck verwehrend”, ein Leberlappen sich erhoben habe (V. 557ff.). Es scheint höchst zweifelhaft, dass der Haruspex Töchterle damals schon aus der ihm vorgelegten Leber (die nach der Sitzung ein Seminarteilnehmer für die Katze daheim mitnehmen durfte) herauslesen konnte, dass die fata ihm unwiderruflich bestimmt hätten, er werde am 21. April 2011, also am Jahrestag der Gründung Roms, zum österreichischen Bundesminister für Wissenschaft und Forschung ernannt werden. Denn dieses Wissen hätte ihm erlaubt, sich ganz einfach bis zu jenem Tag epikureisch in sein geliebtes Stubaital (für das er der Weltspezialist ist) zurückzuziehen, sich dort auf die Pflege seines Gartens und auf das Bergsteigen zu beschränken und in hesychía abzuwarten, bis entsprechend der Leberprophezeiung die legati aus der Urbs auf seinem Anwesen erscheinen und ihn bitten würden, er möge, quod bene verteret ipsi reique publicae, die mandata seiner Alpenrepublik togatus vernehmen, um dann voll cool seiner uxor zu sagen, sie solle ihm also die Toga aus dem tugurium holen. Nein, den Wissensvorsprung, der ihm ein solches láthe biósas ermöglicht hätte, verschaffte ihm, da er ja weiter Hochschullehrer blieb, die Kalbsleber vom Hasenbergl offenbar durchaus nicht. Ebensowenig ahnte vermutlich an jenem Leberschautag Ende der 80er des 20. Jahrhunderts die damals nur wenige Monate alte Heike Tiefenbacher Diligensis, obwohl ihr Vater sich vielleicht just zu Mittag von seiner uxor eine Gänseleberpastete (die gleichfalls occultis rebus latebram negavit) auftischen ließ, dass ihr, Heike Tiefenbacher Diligensis, in das praesepium, in dem sie noch lag, von den fata Folgendes gelegt war: Sie werde dereinst von der langjährigen Henrietta Adiutrix der Petronian Parties zur Henrietta Moderatrix eines hohen Staatsdieners aufsteigen. Ja, die fata haben schon so allerlei Überraschendes in ihrem Programm, weswegen Trimalchio ja stark an den Verheißungen der Sterne interessiert ist. Er wird sich denn auch bemühen, bei der Cena nach Karlheinz Töchterles Vortrag sein berühmtes astrologisches Gericht aufzutischen. Aber selbst wenn ihm dies nicht gelingen sollte – seine kulinarische Helferin mit den meisten Dienstjahren ist ja anderweitig beschäftigt -, kann er versprechen, dass es ein denkwürdiger Vortrags- und diskussionsabend mit einer rauschhaften Petronian Party werden wird.

Und dazu lädt deshalb wieder ganz besonders herzlich ein
Ihre/Eure PSMS

Vortrag am 16. Mai 2012

Professor Dr. Martin Korenjak (Universität Innsbruck)

“Tod in Athen: Was geschah mit Antipatros von Askalon?”

Diskussionsleitung: Stephanie Seibold (Universität München)

16. Mai 2012, 19:15 Uhr, Lyrikkabinett München

 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der PSMS,

antike Grabmäler haben so ihre Eigenheiten. So bietet Trimalchios Beitrag zu diesem Thema (Sat. 71,6-12) außer einer Art mise en abyme seines Gastmahls doch auch die Gelegenheit zum Rätselraten, und zwar insofern, als man sich prüfen darf, ob noch erinnerlich ist, wo vorher im Text von Gladiator Petraites oder von dem Lustknaben des Gastgebers die Rede war; wahrscheinlich wendet sich dieser damit an die eifrigen Schäflein von Christiane Lehle oder Maria Krichbaumer oder Matthias Ludolph, auf dass die üben, daraus Zusatzfragen zu einer Petron-Schulaufgabe zu basteln. Es gibt nun aber auch ein Grabmal, das nicht nur Schulaufgabenschmiede, sondern sogar Detektive auf den Plan ruft, weil mit demjenigen, der unter ihm ruht, Antipatros von Askalon, etwas Mysteriöses geschah: Wir sehen auf dem monumentum in der Mitte einen aufgebahrten nackten Leichnam, links einen sich aufbäumenden Löwen und rechts den Körper eines nackten Mannes, der einen Schiffsbug oder was immer als Kopf hat – total verrückt! – und mit ausgestreckten Armen den Übergriff des Löwen auf den Toten abwehrt.  Zwar kombiniert das Grabmal das Rebus mit einer Aufschrift, aber nicht in erhellender Weise, sondern eher in einer für Werner Suerbaum, den verdienten Erforscher des Phänomens Bild & Text, interessanten Manier, da das sechszeilige Epigramm weitere Rätsel aufgibt, u.a. mit zwei Hapaxen. Zwei Detektive, die beide einen Bezug zu München haben, Tonio Hölscher, der Sohn des unvergesslichen Griechichordinarius, und Peter von Möllerndorff, einst Assistent von dessen Nachfolger und Nachnachfolger, versuchten das Rätsel bereits zu lösen, aber Martin Korenjak, unser Vortragender, hat sich nochmals den Sherlock-Holmes-Hut aufgesetzt und zu Geige und Vergrößerungsglas gegriffen, um eine eigene Deutung zu geben. Jetzt kann man natürlich wiederum rätseln, warum er, noch nicht lange als Nachfolger von Karlheinz Töchterle nach Innsbruck berufen und dort Herr einer Truppe von Neolatinisten, ausgerechnet einen griechischen Grabmalkrimi zu seinem Thema gemacht hat. Will er das Vorurteil wiederlegen, dass Deutschlands Latinisten sich nur noch für epigonale Spätprodukte der Latinität interessieren? Aber warum dann gleich Antipatros von Askalon, wenn als non-neolatinistisches Alibi doch z.B. das Grab-Mahl des Trimalchio genügt hätte? Und wer ist überhaupt seine Moderatorin Stefanie Seibold, was hat sie mit Athen, Antipatros von Askalon und Martin Korenjak zu tun? Nun, das kann man/frau herausfinden, wenn man/frau am 16.5.12 wieder zu uns kommt. Dann gibt es ja auch nicht (wie letzten Mittwoch) für das Fernbleiben die Ausrede eines Elfmeterschießens, das stattfindet, wenn die Annelies schon längst ihr Rucksäckchen gepackt hat und die oben genannten Schäflein schon längst im Bett liegen, weil sie am nächsten Tag vor 8 wieder zum Dienst antreten müssen und nicht, wie während der Studienzeit, dann erst schlafen gehen. Ob Ernst Sigot, falls er wieder kommt (was uns natürlich freuen würde), eine funktionierende Lautsprecheranlage vorfindet, weiß freilich noch niemand, aber auf ein Rätsel mehr oder weniger kommt es nicht an.

Findet jedenfalls
Ihre/Eure PSMS