Vortrag am 19. Dezember 2011

PD Dr. Thorsten Fögen (Durham University)          “Wie schreibt man einen Brief? Theorie und Praxis der antiken Epistolographie”

Diskussionsleitung: Prof. Dr. Markus Janka (LMU München)

19. Dezember 2011, 19:15 Uhr, Lyrikkabinett München

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der PSMS,

Marcus Tullius Cicero schreibt in einem Brief vom Januar 45 v.Chr. (fam. 15,18) an Gaius Cassius, der den Dolch wohl schon im Gewande hat, weil er sich gerade cum dignitate mit Philosophie beschäftigen muss, Folgendes: Er, Marcus, frage sich im Zusammenhang mit Epikurs Bildchentheorie, derzufolge die aus Atomen zusammengesetzten Bildchen nicht nur die Augen, sondern auch den Geist träfen, ob, wenn es ihm in den Sinn komme, an die Insel Britannien zu denken, ihm auch deren Bildchen an die Brust fliege. Nun, wie immer das ist – Thorsten Fögen, derzeit auf jener Insel lehrend, wird am 19.12. nicht nur als Bildchen, sondern leibhaftig von Durham/England ins Lyrikkabinett geflogen kommen und uns etwas über die Literaturgattung erzählen, die Cicero zum Stellen seiner Frage wählte. Klar, der Adressat einer epistula ist – und dazu passt die Bildchentheorie in der Tat – für den antiken Briefschreiber absens praesens. Und das gilt auch in unserer Welt, wie das bei weitem bedeutendste Zeugnis neuzeitlicher Epistolographie, das Briefkorpus des bayerischen Landtagsabgeordneten Josef Filser, deutlich zeigt: Gleich im ersten Schreiben ist dem Josef in München, also fern von Mingharding, z.B. das Bildchen des Lechner Kaschbar absens praesens, weil der ihn “beschiesen” hat, weshalb “Zau” durch Madame Filser, die “Abgeornetensgahtin”, an die der Brief geht, diesmal dem “Mezger” Haimerl zu überantworten sei. Der Vortragende, den zu moderieren sich dankenswerterweise der bekannte trimalchionisch-großzügige Ouzospender (und -trinker) Markus Janka bereit erklärt hat, wird hoffentlich, obwohl er vor seiner Berufung nach Durham in Berlin lehrte und überhaupt a rechter Breiß is – aba a ganz a liaba, wia (fast) olle Breißn -, eine Antwort auf eine wiederum ihm unbedingt zu stellende Frage wissen: ob er bei seinen Forschungen zur Epistolographie auch die gognitife Relefanz der Filser-Briefe und des darin enthaltenen Spiegels der Seele des Epistolographen (auch das ist ja ein Gattungsmerkmal) erfasst habe. Sollte er aber nicht, dann kann unser Marcus Tullius ganz, ganz schnell tun, was zu den wichtigsten Aufgaben eines Diskussionsleiters gehört, nämlich ganz, ganz schnell die erste von vielen Ouzo-Flaschen schwenken und dadurch uns alle auf etwas epistolographiewissenschaftlich durchaus Bedeutsames aufmerksam machen: Es werde das unter der Aufsicht der (diesmal vom Heiligen Nikolaus inspirierten) Cena-Wirtsleute Henrietta Flavia und Martinus Vigil erstellte Büfett mit seinen zusätzlichen weihnachtlichen Genüssen schon sowieso als die Augen treffendes Bildchen, aber dann vor allem als im Mund verschwindende Realität höchst praesens sein. Und dieses Büfett werde uns heute deshalb in ganz besonderer Üppigkeit serviert, weil der offizielle Symposions-iatrós des letzten PSMS-Abends, der liebe Georgius Medicus, so überaus reichlich gespendet hat. Wieder also lohnt es sich unbedingt zu kommen, nicht nur im Hinblick auf neue Erkenntnisse zur Bildchen- und Brieftheorie, sondern auch im Hinblick auf das Sonderangebot z.B. in Form von Lachshäppchen mit Zucker und Zimt, die sicher alle im Nu auf Trimalchios Tafel absens sein werden.

Und so lädt denn wieder sehr herzlich ein
Ihre/Eure PSMS